BOLIVIEN_ SUCRE & LA PAZ. Die Schöne und das Biest

„Sucre zählt fraglos zu den schönsten Städten Südamerikas.“

„La Paz ist laut, dreckig und chaotisch, aber absolut einzigartig. Diese Stadt kann man nicht beschreiben, sondern muss man erleben.“ 

„In der Nähe von La Paz kannst du mit dem Mountainbike die gefährlichste Straße der Welt hinunterfahren. Nervenkitzel pur.“ 

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Man spricht. Man hört. Man lässt sich erzählen. Eines der größten Vorteile von Langzeitreisen ohne Termine und Planung ist es, Empfehlungen und Tipps von anderen Reisenden eben nach Lust und Laune folgen zu können. So stand nach einer großartigen dreitägigen Jeeptour von San Pedro de Atacama in Chile nach Uyuni in Bolivien, wo sich der weltweit größte und sehr bekannte Salzsee befindet, spontan Sucre und La Paz auf unserem Plan.

Während die eine Stadt in Weiß erstrahlt, präsentiert sich die andere in unverputztem Ziegel. Der Grundriss der einen bestimmt ein geordnetes Schachbrettmuster rund um einen wunderschönen zentralen Platz, die andere fließt in einem wilden Wirrwarr an Gassen und Straßen frei von jeder gliedernden Struktur in einem großen Kessel zusammen.

Die Altstadt der einen wurde als ein perfektes Ensemble an gut erhaltenen Häusern aus dem 18. Jahrhundert von der UNESCO 1991 zum Weltkulturerbe erklärt, die andere vereint in ihrem Herzen so ziemlich alles, was insbesondere die letzten 100 Jahre Architekturgeschichte hergeben, inklusive aller Bausünden und Sanierungsgrade – dazwischen fraglos einige Ausnahmen wie die Kirche San Francisco aus dem 16. Jahrhundert oder die Gebäude rund um die Plaza Murillo, darunter der Regierungspalast und der Kongress.

In Boliviens konstitutioneller Hauptstadt kann man in die Geschichte des einst durch Silber sehr reich gewordenen Landes eintauchen – der Rohstoff verlieh Sucre auch ihren ursprünglichen Namen ‚La Plata‘. So erfährt man bei einer Führung im Casa de la Libertad, dem ‚Haus der Freiheit’, von einer kompetenten Dame in bestem Englisch allerlei Wissenswertes um das zähe, verlustreiche Ringen Boliviens nach Unabhängigkeit. Diese wurde im Jahre 1825 schließlich in eben diesem historischen Gebäudekomplex erklärt und unterzeichnet.

Ein kleiner Spaziergang, der mit ein paar Höhenmeter verbunden ist, führt hinauf zum Kloster La Recoleta, das im Jahre 1601 von Franziskanern gegründet wurde. Der Vorplatz ist ein Treffpunkt für Einheimische und Touristen, ältere Herrschaften sitzen beim Plausch auf den Bänken, zwei Jugendliche spielen Fußball. „Ich will auch“, höre ich von Steffen und Julian, unserer Reisebekanntschaft vom Bodensee, und schon stehen sich Deutschland und Bolivien auf dem Platz gegenüber. Bevor ich es mir richtig auf dem Zuschauerrang, der Aussichtsplattform ‚El Mirador‘ bequem machen kann, ist das Match allerdings schon wieder beendet. Knapp 3.000 Höhenmeter fordern bei wenig höhenerprobten Europäern doch schnell ihren Tribut. Nicht unerwähnt bleiben darf aber der Endstand: 5:4 für die gastierende Mannschaft.

In La Paz, dem Regierungssitz Boliviens mit circa 850.000 Einwohnern, hat man das Gefühl, im Besonderen einen Eindruck vom gegenwärtigen Bolivien gewinnen zu können. Mal wieder sind es die Kontraste, die ins Auge fallen – egal, ob man die Gebäude betrachtet oder in die Gesichter der Menschen schaut. Verspiegelte Bürobauten reihen sich zwischen fast völlig verfallenen Häusern ein. Menschen in Business-Outfits hasten durch die Straßen, vorbei an Aymara-Frauen mit ihren traditionellen Bowler-Hüten und farbenprächtigen Röcken, die im Schatten der Kathedrale von Alpacasocken bis Coca-Blättern, von Ponchos bis Panflöten so ziemlich alles verkaufen, was als Souvenir dienen könnte.

Ein eindringliches Bild insbesondere der Armut des Landes zeigt sich einem, wenn man in die Gondel nach El Alto steigt, das auf der westlichen Hochebene auf über 4.000 Metern liegt und seit 1985 eigenständig ist. Eine Ortsgrenze ist nicht zu erkennen, die Städte fließen nahlos ineinander über, doch besteht zwischen der Lage der Wohnviertel und dem sozialen Status ihrer Bewohner heute noch eine feste Korrelation: Je höher die Menschen leben, desto ärmer sind sie.

Allerdings hat sich in den letzten zehn Jahren mit dem Antritt von Evo Morales, dem ersten indigenen Präsidenten, einiges in Boliviens Wirtschaft und Gesellschaft getan. So weist das Land seit der Regierungsübernahme 2006 ein jährliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von circa fünf Prozent auf, die Exporteinnahmen sind um das Neunfache gestiegen. Die vor allem auch aus der Verstaatlichung des Erdgassektors erzielten Überschüsse wurden in die Bereiche Bildung und Gesundheit, aber auch in Infrastruktur wie Stromnetze, Wasserversorgung und Straßen sowie in den sozialen Wohnungsbau und die Errichtung eines Rentensystems investiert.

Trotz des zunehmenden Gegenwinds – eine vierte Amtszeit wurde im Februar dieses Jahres in einem Volksentscheid abgelehnt – erfreut sich der Aymara-Präsident nach wie vor großer Beliebtheit, wie uns nicht nur einmal erzählt wird. „Evo ist ein guter Mann“, erklärt mir auch ein älterer Herr mit zahnlosem Lächeln in einem zerfurchten Gesicht, als ich gerade eine Hauswand fotografiere, die mit seinem Namen bepinselt wurde. Überall im Land prangen die Kandidaten- und Parteinamen in großen Buchstaben unübersehbar auf Mauern und Wohnhäusern – so sieht Wahlkampf auf bolivianisch aus.

Death Road – Mit dem Mountainbike am Abgrund entlang

Neben der Stadt selbst, die auch ein lebendiges Nachtleben – inklusive unerwarteter Salsa-Tanzstunden – zu bieten hat, wartet vor den Toren von La Paz noch eine Attraktion auf Adrenalinsuchende: die Death Road. Und der Name ist Programm. Der Untergrund ist eine mit Schlaglöchern übersäte Schotterpiste, auf die kleine Wasserfälle plätschern, an vielen Stellen zu schmal für zwei Fahrzeuge, auch für Leitplanken ist kein Platz. Rahmenbedingungen, die schon viele auf dem Camino de la Muerte, wie die Einheimischen die Straße nennen, den Tod in dem teils bis zu 500 Meter tiefen Abgrund finden ließen. Dank einer Umgehungsstraße ist der Verkehr und damit auch die Zahl der Opfer aber seit 2007 deutlich zurückgegangen, so dass sie heute vornehmlich von Mountainbikern genutzt wird, die sich auf ihr über 3.000 Höhenmeter hinab in den Dschungel stürzen. Ein rasantes Vergnügen, von dem Steffen berichtet.

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Nach fünf interessanten Tagen in den beiden Städten, deren trennende 700 Kilometer sich am besten mit einer Nachtbusfahrt überwinden lassen, machen wir uns auf nach Copacabana auf der bolivianischen Seite des Titicacasees. Und berichten seitdem begeistert: „Sucre zählt fraglos zu den schönsten Städten Südamerikas. La Paz ist laut…“