Mal wieder ein Superlativ unserer Reise. Oder vielmehr der ganzen Welt. Die Atacama-Wüste, die sich entlang der Pazifikküste Südamerikas über mehr als 1.200 Kilometer erstreckt, ist einer der trockensten Flecken unserer Erde. Im Osten regnen sich die Wolken vor dem Andengebirge ab, im Westen stoppt eine kalte Meeresströmung, der pazifische Humboldtstrom, die Entwicklung von Wolken. So herrscht in ihren zentralen Bereichen bereits seit mehr als 15 Millionen Jahren ein hyperarides Klima. Durchschnittlich wird die jährliche Niederschlagshöhe mit einem halben Millimeter (!) beziffert, was aus etwa einmal Regen alle sechs bis zehn Jahre resultiert. Dieses Spektakel, das die Wüste für einen kurzen Zeitraum in ein traumhaftes Blütenmeer verwandelt – zuletzt im Jahr 2015 – ist dem Klimaphänomen El Niño zu verdanken, der gewissermaßen den Humboldtstrom außer Kraft setzt und sich so ausreichend Regenwolken aufbauen können.
So lebensfeindlich diese Umgebung ist, so faszinierend und abwechslungsreich ihr Erscheinungsbild. Schon die Kulisse von San Pedro de Atacama, ein touristisches Örtchen auf 2.438 Metern, das als Dreh- und Angelpunkt für jegliche Exkursionen von Abertausenden angesteuert wird, lässt den Betrachter innehalten: rotbraune Weiten, soweit das Auge reicht. Dahinter ragen stolz und mächtig perfekt geformte Vulkane und Berge, die vielfach die 6.000-Marke überragen, mit ihren schneebedeckten Häuptern aus der staubigen Ebene. In diversen Ausflügen kann man weitere Facetten dieser unwirklichen Wüstenlandschaft kennenlernen, wobei wir uns für zwei Klassiker entschieden haben.
Wo wilde Wasser strömen – Ein Besuch bei den El Tatio-Geysiren
Unsere erste Exkursion führt uns in aller Herrgottsfrühe zum Vulkan El Tatio beziehungsweise zu dem Geothermalgebiet, das sich am Fuße seines Kraters erstreckt. Mit rund 100 eruptierenden Quellen, von denen mehr als 30 permanent aktiv sind, handelt es sich um das größte Geysirfeld der Südhalbkugel und nach jenem im Yellowstone Nationalpark und Dolina Geiserow in Russland das drittgrößte der Welt.
Trotz ausgeklügeltem Zwiebellook klappern wir sofort mit den Zähnen, als wir im ersten zähen Dämmerlicht nach einer eineinhalbstündigen Fahrt aus dem Kleinbus steigen. Das Thermometer fällt hier – wir befinden uns auf stolzen 4.200 Metern – in den frühen Morgenstunden auf circa Minus 15 Grad. Überall um uns herum brodelt, blubbert und dampft es. Dicke weiße Wolkenfontänen strömen in rasantem Tempo in die klare kalte Luft. Aus anderen Erdlöchern wabern unaufhörlich Nebelschwaden, die die Besucher mystisch umhüllen. So sind gerade die Tageszeit wie auch die Kälte die entscheidenden Zutaten für diesen großartigen Anblick: Je größer der Kontrast zwischen dem mit circa 85 Grad fast kochendem Wasser und der Außentemperatur ist, desto spektakulärer dampft und raucht es. Zudem sind die „ wild strömenden“ Wasser, wie das isländische Wort Geysire übersetzt werden kann, nur in den Morgenstunden aktiv.
Schon die ersten Sonnenstrahlen sind erstaunlicherweise in der Lage zu wärmen, so dass sich unsere Körper schnell aus der Kältestarre lösen. Heißer Tee und Kaffee, die zum Frühstück gereicht werden, erledigen den Rest. So fallen auch im Handumdrehen bei vielen die Klamotten gänzlich (bei uns wenig überraschend lediglich bei Steffen), um noch ein Bad in einem Thermalbecken zu nehmen, in dem heißes und kaltes Wasser zu einer lauwarmen Mischung zusammenfließen. Da die Wassertemperatur nicht wirklich zum Verweilen einlädt, ist es auch nicht weiter tragisch, als der „Vamos“-Ruf unserer resoluten Reiseführerin zu hören ist.
Auf dem Programm steht nun der Besuch in Machuca, einem kleinen Dorf, dessen Bewohner als eine der ersten indigenen Gemeinschaften vor über 100 Jahren Eigentumsrechte vom chilenischen Staat erhielten. In der kargen schneebezuckerten Landschaft stehen eine Handvoll einstöckiger, vornehmlich strohbedeckter Häuschen, drum herum Alpakas und Lamas, dazwischen Dutzende Touristen. Wir streunen also im Verbund auf der unbefestigten, einzigen Straße durch das Örtchen, die hinauf zu einer Kirche führt, deren weiß getünchte Front sich leuchtend vom strahlend blauen Himmel absetzt. Bevor wir den Rückweg antreten, der uns mit Fotostopps an wunderschönen Lagunen und einem beindruckenden Panorama aus gigantischen Vulkanen und Bergen vorbeiführt, betreten wir mit Lamaspießen noch kulinarisch Neuland. Das Fazit ist einhellig: Gerne mehr davon.
Ein bisschen Neil Armstrong-Feeling – Ein Besuch des Valle de la Luna
Unser zweiter Ausflug, den wir nach einer kurzen Siesta am Nachmittag unternehmen, ist nicht von dieser Welt. Das nur 17 Kilometer von San Pedro entfernte Valle de la Luna ähnelt ihrem namensgebenden Himmelskörper: Karg und steinig breitet sich eine surreale Hügellandschaft vor uns aus, dazwischen bizarr geformte Steinformationen und Skulpturen, die ein wenig wie aus der Hand von Markus Lüpertz anmuten.
Hier wie auch bei einem kurzen Spaziergang durch eine steinige Schlucht, teils tief gebückt durch niedrige Tunnel, lässt sich der hohe Salzgehalt der Wüste in dem weißen Schleier und bei genauerem Hinsehen auch in funkelnden Kristallen im Gestein erkennen. Dieser leistet neben der großen Trockenheit und den extremen Temperaturen einen weiteren Beitrag zur Lebensfeindlichkeit dieses Ortes. Was der Schönheit aber keinen Abbruch tut. Wenn sich dann noch der Abendhimmel über dem benachbarten Valle de la Muerte, dem Tal des Todes, in tiefen Rottönen verfärbt… ein atemberaubender Anblick! Den man sich allerdings mit Hunderten teilt.
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Nach nur einem Tag haben wir San Pedro de Atacama am nächsten Morgen schon wieder verlassen. Fraglos hat die Region noch mehr zu bieten. Doch lassen sich einige der naturseitigen wie programmtechnischen Highlights auch im Rahmen der dreitägigen Tour durch die bolivianische Hochebene zum Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Welt, erleben. So lautete unser nächstes Ziel: Bolivien – ein Land, das wir vor unserer Reise noch so gar nicht auf dem Radar hatten.
Paradoxerweise war damit unsere Anreise von Salta zur Atacama-Wüste exakt genauso lang wie unser Aufenthalt. Die Strecke über den Paso de Jama, die normalerweise mit circa neun Stunden veranschlagt ist, kann mit einer Reifenpanne und einer aufgrund Eis und Schnee geschlossenen Grenze schnell 40 Stunden in Anspruch nehmen. Aber kein Nachteil ohne Vorteil: Immer wieder liest man, dass man es die ersten Tage auf Höhen über 3.000 bzw. 4.000 Meter über dem Meeresspiegel sehr ruhig angehen lassen soll. Aufgrund unserer Nacht im Bus an der Grenze auf über 4.200 Meter waren wir höhentechnisch vollkommen akklimatisiert und konnten sowohl die Ausflüge in die Atacama-Wüste wie – nun folgend – in die bolivianische Hochebene in vollen Zügen genießen, ohne von der weit verbreiteten Höhenkrankheit, spanisch Soroche, heimgesucht zu werden.
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Empfehlenswertes Hostel: Das erst vor ein paar Monaten eröffnete kleine Hostal Ayni wird von einem sehr sympathischen chilenischen Paar ökologisch nachhaltig und mit viel Liebe zum Detail geführt (der Name des Hostel ist Quechua und steht für eine aus präkolumbischer Zeit tradierte Form der Arbeit in gegenseitiger Hilfe). Auf die wenigen Gäste warten eine nette Terrasse mit Traumausblick auf die Vulkane, die Möglichkeit zum Lagerfeuer (das auch nur für uns zwei entfacht wurde) und sehr bequeme Betten.