Die Tour ist mit wenig Komfort verbunden. Während der Fahrt wird man ordentlich durchgerüttelt, man sitzt für Stunden – zumindest die Großen unter uns – gefaltet mit den Knien unterm Kinn im Auto. Die Luft wird auf Höhen von bis zu 5.000 Metern merklich dünn, allzu dynamische Bewegungen werden mit Kurzatmigkeit quittiert. Die Temperaturen sind über weite Strecken weit weg vom Wohlfühlbereich, oft peitscht einem kalter Wind ins Gesicht. Die unbeheizten Unterkünfte mit Mehrbettzimmern sind mehr als einfach, warmes Wasser wie eine Dusche gibt es nur in einer Nacht…*
Klingt wenig großartig? War es aber. Mehr als. Die dreitägige Tour durch die bolivianische Hochebene zum Salar de Uyuni zählt zu den absoluten Highlights unserer Reise. Schon als wir am Fuße des fast 6.000 Meter hohen Vulkans Licancabur in einem Minihäuschen den Bolivien-Stempel in unseren Reisepass erhalten – die Ausreiseformalitäten für Chile erledigt man bereits in San Pedro de Atacama -, ist die Szenerie atemberaubend schön. Wie auf einem Werbefoto für – zugegeben sehr betagte – Toyota Landcruiser stehen die vier Fahrzeuge unseres Touranbieters inmitten der schneebedeckten Landschaft, am Horizont dahinter mächtige Berge, die Sonne grell am blauem Himmel darüber.

Unser Fahrer Lorenzo – verspiegelte Sonnenbrille, rote Basecap – begrüßt uns mit einem breiten Grinsen in einem von viel Höhensonne gezeichneten Gesicht. Auch der kräftige Druck seiner rauhen Hände, mit dem er sein herzliches „welcome“ – das einzige englische Wort in drei Tagen – unterstreicht, bezeugt die extremen Witterungsbedingungen wie jede Menge harte Arbeit. Seit mehr als zehn Jahren kutschiert er nun schon Abenteuerlustige durch das Hochland, das auch seine Heimat ist.
Nachdem unsere Rucksäcke mit geschickten Handgriffen auf dem Dach unter einer Plane verstaut sind, düsen wir los. Schnell verteilen sich die verschiedenen Jeepgruppen, so dass wir nur noch in unserer Viererformation über die menschenleere Hochebene fahren. Zum ersten Mal wandert eine Tüte mit getrockneten Coca-Blättern durchs Auto – „das beste Mittel gegen die Höhenkrankheit“ hören wir aus vollem Mund vom Fahrersitz. Trotz frei von Beschwerden greifen wir zu und kauen etwas unmotiviert auf den zunächst sehr trockenen, dann hart gewordenen Blättern herum, bis glücklich die Aufforderung zum Ausspucken kommt. Als Tee sagt uns das grüne Nationalgewächs dann doch entschieden mehr zu.
Tag 1: Traumhafte Lagunen, heiße Quellen und dampfende Geysire
Rechts wie links ziehen sanfte, nun vornehmlich ockerfarbene Hügel an uns vorbei. Immer wieder stehen kleine Gruppen von Vicuñas, einer wilden Lamaart, wie lediglich für unsere Fotos aufgestellt in der ewigen Weite. „Zehn Minuten von hier wohne ich mit meiner Frau und unserem Sohn“, heißt es nach circa einer halben Stunde Fahrt. Wir blicken ungläubig in die zivilisationslose, gefühlt unendliche Steppe.

Das am Innenspiegel befestigte Jesusbild tanzt ekstatisch zur Musik vor einer mit Steinschlägen überzogenen Scheibe. Auch wir hüpfen im Takt, den die unwegsame Piste vorgibt. Die „Straße“ besteht jetzt nur noch aus wild kreuz und quer verlaufenden Reifenspuren im sandig-steinigen Untergrund. So erreichen wir nach nicht einmal einer Stunde unser erstes Ziel: die Laguna Blanca.

Was ein Panorama! Trotz dunkler Sonnenbrillen kneifen wir die Augen beim Anblick der funkelnden, teils zugefrorenen Fläche fest zusammen. Während hier weiß, blau und grau die Farbpalette bestimmen, erstrahlt die als nächstes angesteuerte Laguna Verde in unwirklichem Mint, die umgebenen weiß bezuckerten Hügel kontrastieren in warmem Rotbraun. Mineralien wie Magnesium, Calciumcarbonat, Blei und Arsen sind hier am Werk. Jeweils stolz am Horizont der Vulkan Licancabur.
Fürs Mittagessen machen wir in einer weiteren Lagune Halt, die sich in einem wiederum neuen Farbmix in einer riesigen Ebene ausbreitet. Ein paar Vicuñas stehen in der Weite, gelbgrüne Grasbüschel setzen Akzente im braunen Sand, hinter dem sich die weißen Borax-Flächen (ein Mineral, das unter anderem zur Herstellung von Borsäure verwendet wird) markant absetzen. An einigen Stellen dampft es: Wer will, kann diese Kulisse auch von einer heißen Thermalquelle aus genießen.

Höher, schneller, weiter – In flottem Tempo brettern wir gestärkt auf einer immer unwegsamer werdenden Piste durch eine karge rote Steinlandschaft, vom Auto aus lässt sich jetzt kein Leben mehr entdecken. Die Fahrtluft ist frisch geworden und die vereinzelt in der Wüste liegenden Felsen werfen bereits lange Schatten. Plötzlich sehen wir am Horizont eine dicke Dampffontäne in den Himmel steigen. Als wir die nächste Erhöhung passieren, liegt es vor uns: das sich auf fast 5.000 Metern über dem Meeresspiegel befindende Geothermalfeld Sol de Mañana. Während wir zwischen den dampfenden Erdlöchern umherspazieren, stecken unsere vier Fahrer schon wieder die Köpfe unter eine der Motorhauben. Lorenzo und seine Kollegen sind hier eben mehr als nur Fahrer, sondern vielmehr Chauffeur, Guide, Mechaniker, Koch und Kellner in Personalunion.
Da sich aber offenbar nicht alle technischen Probleme an Ort und Stelle lösen lassen, zieht unser Jeep nun das nicht mehr fahrtüchtige Mobil durch den steinigen Grund. Immer wieder stoppen wir, um die Autos irgendwie aufs Neue zusammenzubinden. Nach fünf Versuchen, die jeweils nur für einige Hundert Metern währen, wird unsere Gruppe kurzer Hand auf die anderen Jeeps verteilt und Lorenzo fährt allein in das rund 20 Minuten entfernte Örtchen, um Hilfe zu holen – Handyempfang ist auf der bolivianischen Altiplano halt keine Selbstverständlichkeit.
So treffen wir als letzte Gruppe in unserer spärlichen Herberge ein. Die Luft ist unverändert dünn, wir befinden uns immer noch auf circa 4.300 Meter, und es ist mittlerweile mehr als zapfig: „Nicht weniger als Minus 25 Grad“, kommentiert Lorenzo lachend und gesellt sich zu den anderen Fahrer, die sich bereits am Boden kniend über ein paar nicht definierbare ausgebaute Autoteile beugen. Für uns gibt es heißen Tee, leckere Gemüsesuppe und Spaghetti mit Tomatensauce. Einige unserer Mitstreiter – größtenteils Chilenen, ein paar Brasilianer, Australier und Franzosen – hängen etwas träge über ihren Tellern, geplagt von Kopfschmerzen und Übelkeit, den typischen Symptomen der Höhenkrankheit. So sitzen wir bereits um 9 Uhr mit Julian vom Bodensee, der zwei Tage zuvor wie wir die Nacht an der Grenze zwischen Argentinien und Chile auf einer ähnlichen Höhe verbracht hat, allein am winzigen Ofen, der einzigen Wärmequelle im ganzen Haus, und schlürfen unseren mitgebrachten Rotwein.

Tag 2: Viel Strecke, ewige Weite und unsere Salzwüstenpremiere
Der zweite Tag startet verhältnismäßig spät. Nachdem wir uns unter den sieben Wolldecken herausgeschält und mit eisig kaltem Wasser Leben eingehaucht haben, gibt es Pfannkuchen und bolivianische Brötchen, die wenig vielversprechend aussehen, aber erstaunlich lecker sind, zum Frühstück. Die nächtliche Werkelei war offenbar erfolgreich, so dass wir um acht Uhr mit vier fahrenden Jeeps in Richtung Laguna Colorada aufbrechen. Der Name rührt von der auffälligen rötlichen Färbung, der durch die vorherrschende Algenart und einem hohen Mineralstoffgehalt des Wassers verursacht wird. In den Sommermonaten garnieren hier zusätzlich noch Hunderte an weiß-rosafarbenen Flamingos das berauschende Farbspiel. Zu dieser Jahreszeit waten wir dagegen an vielen Tieren vorbei, die sich wohl nicht rechtzeitig in Richtung wärmerer Gefilde aufgemacht haben.

Mehr als 200 Kilometer liegen heute vor uns. Die Luft ist verhältnismäßig warm, so dass wir das Fenster ein wenig nach unten kurbeln und mit der Nase im Wind durch die Einsamkeit des Hochlands düsen. Immer wieder wählt Lorenzo grinsend eine alternative Route, womit sich werbefilmwürdige Ausblicke auf die drei anderen Jeeps ergeben, die staubige Wolken hinter sich herziehen, während sie der Sonne entgegen fahren.
Mittlerweile starten in der Hochsaison angeblich jeden Tag rund 150 Gruppen vom chilenischen San Pedro de Atacama oder der bolivianischen Kleinstadt Uyuni aus in die Wüste, doch treffen wir an diesem Tag erfreulicherweise lediglich an einem Ort auf weitere Touren: Hier stehen rotbraune, bizarr geformte Felsen in der Weite, an deren Fuße eine Herde Alpakas und Lamas grast. Es darf geklettert und mal ein wenig spaziert werden. Mit etwas Fantasie erkennt man Tiere und Gesichter in den steinigen Formationen.
Wir passieren riesige Täler mit Kartoffel- und Quinoa-Feldern, die in willkürlich anmutenden geometrischen Formen an den Hängen angelegt sind. Hier nutzen die bolivianischen Bauern alte, von indigenen Völkern eingerichtete Anbauflächen für ihre Landwirtschaft, die faszinierender Weise noch auf rund 4.000 Metern betrieben werden kann. Das sehr verbreitete und leckere Quinoa kommt hier allerdings nicht nur auf den Teller, in einem kleinen Dorf versuchen wir uns an einem daraus gebrauten Bier: ein wenig fruchtig, sehr malzig – in jedem Fall gar nicht übel.
Timing ist alles. Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir den Salar de Uyuni. Mit mehr als 10.000 Quadratkilometern ist er der größte Salzsee der Welt. Dieser surreale, wunderschöne Ort entstand, als vor über 10.000 Jahren der See Tauca austrocknete. Zurück blieb ein mehr als faszinierender Ort, der einen sofort in Fotowut verfallen lässt. Wir verteilen uns in der endlosen weißen Weite und lassen uns zu den ersten typischen Bilder hinreißen, die aufgrund des fehlenden Bezugspunks den Maßstab verzerren und so mit den Größenverhältnissen spielen lassen.
Das Domizil für die zweite Nacht ist eines der zahlreichen Salzhotels, wo Teile der Inventars wie Tische und Hocker aus dicken Salzblöcken gebaut wurden. Der Boden ist eine knirschende Schicht grober Salzkörner. Es bleibt gerade noch Zeit, um schnell zu duschen, bevor eine Gruppe von Frauen, die mit traditionellen Bowler-Hüten und farbenprächtigen voluminösen Röcken gekleidet sind, das Abendessen serviert. Doch wird das auffällige Outfit keineswegs für die Touristen getragen, sondern ist vielmehr fester Bestandteil der Alltagskultur der Aymara, einer der größten indigenen Stämme des bolivianischen Hochlands. Zu Feier des letzten Abends kommt auch eine Flasche Rotwein auf den Tisch. Wenn uns schon die Höhe keine Kopfschmerzen bereitet hat, dann wenigstens dieser undefinierbare süße Rebensaft…
Tag 3: Sonnenaufgang zwischen Kakteen, endloses Weiß und ein etwas anderer Friedhofsbesuch
5 Uhr, 15 Grad unter Null und Millionen an Sterne. Unter einem unglaublichen Himmel starten wir am dritten Tag zu nachtschlafender Zeit. Lorenzo ruft zur Eile auf. Das Ziel ist es, den Sonnenaufgang von der Isla del Pescado aus zu bestaunen. Hierfür geht es einmal quer durch die Salzwüste. Als er aus Spaß die Scheinwerfer ausschaltet, gleiten wir ehrfürchtig durch die alles verschluckende Dunkelheit.
Gerade als wir die Insel erreichen, weicht das Schwarz einem kaltem Blau. Wir hetzen zum Gipfel, riesige Säulenkakteen stehen unserem atemraubenden Spurt auf rund 3.600 Metern Spalier. Rechtzeitig postieren wir uns nahezu auf dem höchsten Punkt des Eilands mit Blick nach Osten. Dann ist es soweit. Die stacheligen Köpfe ums herum beginnen zu glühen, um kurz darauf im gleißenden Sonnenlicht zu erstrahlen. Der Ausblick ist gigantisch: ewiges Weiß, lediglich ein paar sanfte Hügel am Horizont. Man kann einfach nur staunen über soviel bizarre Schönheit. Nicht die frischen Temperaturen, nicht der unbequeme Untergrund aus scharfkantigen, versteinerten Korallen lassen uns letztlich aufbrechen, sondern vielmehr die herbeiströmenden Massen…

Nach einem Frühstück am Fuße der Insel folgt das obligatorische Fotoshooting inmitten der mit Waben überzogenen weißen Fläche. Noch amüsanter als selbst aktiv zu werden, ist es, den anderen Gruppen zuzusehen: Zahlreiche Fotografen liegen am Boden, um ihre auf Hunderte Meter verteilten Mitstreiter ins Bild zu bannen. Als Resultat balancieren Menschen über Schuhbändel, die zwischen Wanderstiefel gespannt sind, Riesen küssen Zwerge, eine Menschentraube flieht vor einem Plastikdinosaurier.
Als wir uns auf dem Weg zu unserem letzten Ziel, dem Cementerio de Trenes, einem Zugfriedhof vor den Toren Uyunis, machen, sehen wir einen Mann mit geschulterter Schaufel entlang radeln: Er ist einer jener Arbeiter, die unter archaischen Bedingungen und enormen Anstrengungen rund 25.000 Tonnen Salz jährlich abbauen. Geschätzt wird das Gesamtvolumen des Salars auf circa 10 Milliarden Tonnen. Doch ist es weniger das Salz, auf das die lokale Bevölkerung für ihre Zukunft setzt, sondern vielmehr ein sehr begehrter Rohstoff, der unter der sieben Meter dicken Salzschicht ruht: Lithium bzw. Lithiumkarbonat. Das Vorkommen zählt zu den größten der Welt, sein Marktwert wächst aufgrund der steigenden Nachfrage gewissermaßen täglich. Seit fast einem Jahrzehnt wird an Plänen wie Verfahren zum Abbau gearbeitet, einheimische und ausländische Firmen und Investoren scharren immer heftiger mit den Füßen, so dass sich sicher auch dieser wunderschöne Ort schon bald grundlegend verändern wird.
Also nichts wie hin!
Von diesen für uns unvergesslichen Tagen gibt es auch ein kleines Video.
###
* Wir hatten uns für eine vergleichsweise günstige Tour entschieden (90.000 CLP bzw. 120 Euro). Wem das Beschriebene zu spartanisch ist, kann sich mehr Komfort erkaufen. Neuere Jeeps, geheizte Unterkünfte und englischsprachige Fahrer sind problemlos zu kriegen, kosten aber ein Vielfaches.