Karge Mondlandschaften, bunt gestreifte Berge, riesige Kakteen und pittoreske Felsformationen – die Salta-Region hält, was ihr Beiname verspricht. Auf den rund 1.200 Kilometern, die wir in unserem viertägigen Roadtrip durch „la linda“, die Schöne, zurückgelegt haben, kamen wir aus dem Staunen nicht heraus. Ständig stoppt man, um kleine Spaziergänge zu unternehmen und zu versuchen, die naturseitige Schönheit ins Bild zu bannen, wobei die Panoramafunktion der Kamera ihre wahre Bestimmung findet.
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Im Morgengrauen erreichen wir nach einer 24-stündigen Busfahrt von Puerto Iguazú den Bahnhof in Salta – dank Cama-Sitzen nicht allzu sehr zerknautscht. Zu Fuß spazieren wir in einer halben Stunde zu unserem Hostel im Herzen der Stadt, die sofort gefällt. Die bereits 1582 gegründete Hauptstadt der gleichnamigen Provinz wartet mit einer Vielzahl an restaurierten Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert, einer schönen Kathedrale, schmalen Gassen und mit Orangenbäumen gesäumten Plätzen auf. Sie ist umgeben von bewaldeten Bergen und schmiegt sich wunderschön in das breite Lerma-Tal – ein Postkartenbild, das man am besten vom Cerro San Bernado genießt, auf den einen auch bequem eine Seilbahn bringt, die nahe des Busterminals in einem hübschen Gebäuden mit bunten Glasfenstern startet.
In unserem Hostel angekommen werden wir trotz der frühen Tageszeit umgehend mit einem Zimmer, allerlei Informationen und einem Mietwagen für die folgenden vier Tage ausgestattet. Als wir uns gerade in unsere Routenplanung vertiefen, gesellt sich ein Pärchen aus Berlin mit der Frage zu uns, ob wir nicht gemeinsam zur Erkundung der Region aufbrechen wollen. Klar, so waren wir zu viert.
Roadtrip Teil 1 – Südroute nach Cafayate: Von kargen Mondlandschaften und abstrakten Felsformationen

Der Himmel strahlt in sattem Stahlblau, die Sonne erwärmt die kühle Winterluft bereits um 9 Uhr schnell auf T-Shirt-Temperaturen. Wir steigen, nun, mit vier Personen samt Gepäck quetschen wir uns in unseren kleinen weißen Chevrolet. Auf den ersten Dutzenden Kilometern, nachdem wir unseren Weg aus dem Einbahnstraßen dominierten Salta gefunden haben, fahren wir durch immer kleiner werdende Dörfer. Schnell bestimmen menschenleere Weiten das Panorama, die Landschaft wird sandig, felsig und verfärbt sich ziegelrot. Die Bepflanzung schwindet, immer weniger knorrige Bäume sind zu sehen, vornehmlich säumen nun trockene strauchartige Büsche die Straße.
Dazwischen lassen sich immer wieder mit Autoreifen und roten Fahnen geschmückte kleine Altäre entdecken. Schon beim Blick aus dem Busfenster bei unseren Hunderten auf Argentiniens Straßen zurückgelegten Kilometern fallen sie ins Auge. Gewidmet sind die Schreine einem gewissen Gauchito Gil, einem der sehr populären Volksheiligen, der – wenig verwunderlich – keine Akzeptanz der katholischen Kirche genießt, aber elementarer Bestandteil der Volksfrömmigkeit vieler Argentinier ist. Kaum ein Auto, kaum ein LKW ist zu sehen, der ohne ein rotes Bändchen am Nummernschild unterwegs ist.
Hinter dem „kleinen Gaucho Gil“ verbirgt sich der Legende nach ein Landarbeiter, der im argentinischen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert desertierte, sich im Wald versteckte und dort als die lokale Variante von Robin Hood aktiv wurde, sprich die Reichen bestahl und sein Diebesgut unter den Armen verteilte. Doch erst das Ende seines jungen Lebens machte ihn berühmt: Als er schließlich gefasst wurde, prophezeite Gauchito Gil seinem Henker, dass dessen Sohn schwer krank werden und sterben würde, wenn er nicht zu ihm betete. Dieser vollzog dennoch das Urteil und schnitt ihm die Kehle durch, um noch am selben Tag seinen im Sterben liegenden Sohn vorzufinden. So richtete er ein Gebet an den etwas wie ein lateinamerikanischer Jesus-Verschnitt Anmutenden und der Nachwuchs wurde gesund.
Das weibliche Pendant des heute vor allem als Patron von Auto-, Bus- und Lastwagenfahrern verehrten Gauchito Gils, der gern mit Hupen beim Passieren eines Schreins gegrüßt wird, ist Difunta Correa. Auch hier war es ihr Ableben, das sie zur Ikone werden ließ: Auf der Suche nach ihrem während des Bürgerkriegs verschleppten Mannes verirrte sich die Mutter mit ihrem Kind in der Wüste und konnte nur noch tot geborgen werden. Das Kind aber lag saugend an der Brust der Verstorbenen. In ihr verehren die Argentinier das Idealbild der aufopfernden Mutter und der treuen Ehefrau. Mit ihrer Huldigung – an ihren Schreinen werden volle Wasserflaschen hinterlassen (was sie optisch manchmal wie kleine Mülldeponien aussehen lässt) – erhoffen sich die Menschen Schutz und Sicherheit für ihre Reisen. Aber auch bei unerfüllten Kinderwünschen konsultiert man die gute Difunta Correa.
Die Natur verändert immer wieder ihr Antlitz. Die Farbpalette spielt alle Erd- und Naturtöne durch, mischt sie, um nach der nächsten Kurve wieder mit einer völlig neuen Komposition zu überraschen. Aber nicht nur in puncto Farbe, sondern auch mit Blick auf die Formen hat sich die Schöpfung hier einiges einfallen lassen: Die Palette reicht von sanften Hügelketten zu schroff aus der Erde ragenden Steinobelisken, von abstrakten Sandskulpturen zu klanggewaltigen Schluchten. So vergehen die 190 Kilometer bis Cafayate wie im Flug, wo wir in einem netten Hostel Quartier für die Nacht beziehen. Das kleine Örtchen bietet eine große Auswahl an Unterkünften und Restaurants, als Nabel einer Weinregion auch jede Menge netter Bodegas, wo leckere Erzeugnisse aus lokalem Anbau auf den Tisch kommen.
Der zweite Tag unseres Roadtrips startet etwas weniger planmäßig. Nach nur wenigen Kilometern auf der Routa 40, einer insgesamt über 5200 Kilometern langen Fernstraße von Bolivien bis ganz in den Süden Argentiniens, die wir uns als alternative Strecke zurück nach Salta ausgesucht hatten, rumpelt es im Radkasten hinten links. Die nächsten Meter sind von einem dumpfen, wiederkehrenden Ploppen begleitet. Die Diagnose ist simpel: Wir haben einen Platten. Grundsätzlich kein Problem mit Wechselrad. Passt allerdings der Ersatzreifen nicht, braucht es Hilfe eines freundlichen Polizisten, der einen zur nächsten Werkstatt bringt, wo der neue Reifen auf die alte Felge gezogen wird, und zurückfährt. Unsere Dankbarkeit, die wir gerne mit einer kleinen Geldspende unterstrichen hätten, quittiert er nur mit einem lächelnden Kopfschütteln und einem Fingerzeig auf seine Marke. Großartig.
Trotz der nur wieder hergestellten Fahrtüchtigkeit treten wir die Rückreise nach Salta auf dem Weg vom Vortag an. Auch der Ersatzreifen habe einen Schlag, so dass die nachdrückliche Empfehlung lautet, die Teerstraße der vornehmlich aus Schotterpiste bestehenden Routa 40 vorzuziehen. So tuckern wir gemütlich zurück nach Salta, wobei die Strecke auch beim zweiten Befahren nicht weniger begeistert.
Roadtrip Teil 2 – Nordroute nach Humahuaca: Von bunten Bergen und gigantischen Kakteen
Mit einem neuen Automobil ausgestattet – wieder ein Chevrolet, doch entschieden größer – starten wir am darauffolgenden Tag gen Norden. Zunächst durchfahren wir sattgrüne Wälder, die Straße windet sich in engen Serpentinen durch schönen Urwald, vorbei an Feldern und idyllischen Seen. Auf einen Schlag ändert sich die Natur. Trocken und staubig, karg und weit breitet sich das Tal vor uns aus. Garniert wird der Ausblick durch riesige Kakteen. Diese wachsen angeblich nur einen Zentimeter pro Jahr, zieren also sehr betagt die Kulisse.
Wir lassen San Salvador de Jujuy und auch Tilcara, wohin wir für die Nacht zurückkehren werden, links liegen, um in Humahuaca in der Ferne die berühmten bunten Berge zu bestaunen, die aufgrund von Erzen so wunderschön farbig gestreift erstrahlen. Ebenso wie von Künstlerhand gestaltet präsentieren sich die bei Maimará als Paleta del Pintor bekannten Hügel. Als weiteres Highlight, wobei sich die abwechslungsreiche Kulisse an sich fortwährend nur mit ‚wow‘ oder ‚irre, wie schön das hier alles ist‘ kommentieren lässt, steuern wir am nächsten Tag das nur wenig Kilometer von der Routa 9 entfernte Purmamarca an. Direkt in dem kleinen Ort erhebt sich der Cerro de los Siete Colores, der Hügel der sieben Farben, und erstrahlt insbesondere im Morgenlicht atemberaubend schön.
Roadtrip Teil 3 – Nordwestroute: An der Zugstrecke „zu den Wolken“ entlang

Da unsere Mitreisende leider von einem hartnäckigen Infekt geplagt wird, treten wir bereits am nächsten Morgen den direkten Rückweg nach Salta an. So steigen wir am Nachmittag lediglich zu zweit wieder ins Auto, um noch eine weitere Ecke dieser abwechslungsreichen Provinz zu erkunden: Wir folgen für knapp 100 Kilometer den Schienen des „Tren a las nubes“, des Zugs zu den Wolken, nach Nordwesten, der zwischen dem argentinischen Salta und dem chilenischen Antofagosta verkehrt.
Der Name ist Programm. Die Strecke schraubt sich bis auf fast 3.900 Höhenmeter hinauf, wobei wir nicht ganz den höchsten Punkt erreichen. Wohl aufgrund der langen Abschnitte staubiger Schotterpiste und der beinahe zivilisationslosen Umgebung düsen wir nahezu allein durch die bizarre Landschaft, vorbei an wieder einmal unglaublichen Steinformationen, die sich Kilometer um Kilometer verändern – wie als hätte man Dutzende Bildhauer verschiedenster Epochen und Stilrichtungen beauftragt, eine Bergkulisse zu gestalten. Einfach faszinierend, was unsere Welt naturseitig zu bieten hat.
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Empfehlenswerte Weinbar in Cafayate: Das Chato’s in der Calle Nuestra Senora Del Rosario 132 wird von Oscar Eduardo Cruz, einem sehr liebenswerten älteren Herrn, geführt, der sich redlich bemüht, die verschiedenen Weine auf Spanisch für Einsteiger zu erklären. Man sitzt an zu Tischen umfunktionierten hölzernen Weinfäsern, vor mit Flaschen gefühlten Regalen und probiert für einen fairen Preis allerlei aus Trauben gewonnene Köstlichkeiten.
Empfehlenswertes Hostel in Cafayate: Das nette Hostel Rustyk bietet einen hübschen Innenhof, einen urig eingerichteten Frühstücksraum und gemütliche Doppelzimmer nur 200 Meter vom Hauptplatz entfernt.