Gischt vernebelt die Luft. Tosend und krachend stürzen die Wassermassen in die Tiefe. Es ist so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Wenn man mit herab gefallener Kinnlade in den Teufelsschlund schaut, ist man sich sicher: Es müssen überirdische Kräfte am Werk gewesen sein, um so etwas Mächtiges und Eindrucksvolles zu erschaffen.

Dieser Überzeugung sind auch die Guaraní-Indianer, deren Legende nach die Wasserfälle ein Produkt eines göttlichen Eifersuchtsdramas sind: Es war einmal die schöne Häuptlingstochter Naipí, die am Ufer des Iguazú, des „großen Wassers“, lebte. Sie liebte Tarobá, den tapfersten Krieger ihres Stammes, war aber dem Schlangengott M’Boi versprochen. So flohen die beiden mit einem Kanu den einst ruhigen Fluss hinauf. Als der Schlangengott die Flucht der beiden bemerkte, wirbelte er wutentbrannt das Wasser derart auf, dass es niemals mehr zur Ruhe kommen sollte. Unter seinen gewaltigen Schlägen brach das Felsbett ein und das Wasser stürzte in die Tiefe. Doch damit nicht genug: Naipí wurde in einen Fels verwandelt, über den zur Strafe fortan die Wassermassen toben. Der Geliebte ist seither ein Baum, der am Rand des Flusses steht und bewegungs- und hilfslos mit ansehen muss, wie seine Geliebte gepeinigt wird.
Weniger grausam ist dagegen die Erklärung der Geologen: Die Entstehung wird vor rund zwei Millionen Jahren datiert, als sich die Flüsse Iguazú und Paraná vereinigten und sich nach und nach immer weiter in die Tiefe frästen. Für das so entstandene Naturspektakel, das zum UNESCO-Weltnaturerbe zählt, haben wir uns zwei Tage Zeit genommen, um sowohl die brasilianische als auch die argentinische Seite zu erkunden – was im Jahr in Summe uns sechs Millionen gleich tun.
Je nach Jahreszeit und Wetter stürzen, fließen und plätschern bis zu 300 Wasserfälle auf rund 2,7 Kilometern in die Tiefe, wobei sich der Großteil auf der argentinischen Seite befindet. So verschafft man sich am besten am ersten Tag einen Überblick in Brasilien: Der Weg führt die Besucher am Fluss Iguaçu (portugiesisch) beziehungsweise Iguazú (spanisch) entlang, um ständig neue Ausblicke auf die großen und kleinen Fälle, die unter anderem Namen wie Adam und Eva, Chico oder San Martín tragen, zu bieten. Am Ende steht man am Eingang des Teufelsschlunds, dem Garganta del Diablo, auf einer verwinkelten, über den Fluss gebauten Besucherplattform. Dichte Gischtwolken vernebeln die Luft, schnell ist man klatschnass, was bei tropischen Temperaturen (endlich wieder!) für eine angenehme Abkühlung sorgt. Ein perfekter Regenbogen überspannt das schöne Szenario.
In Argentinien kommt man auf drei Wegen im entschieden weitläufigeren Nationalpark ganz nah und aus verschiedenen Perspektiven an die einzelne Wasserfälle heran, wobei mit Gehen, Stehen und Staunen schnell ein paar Stunden vergehen. Als krönender Abschluss bringt einen eine lange Brückenkonstruktion an die Kante des gigantischen Schlundes, in den pro Sekunde 20.000 Kubikmeter Wasser circa 80 Meter tief ohrenbetäubend in die Tiefe stürzen und so in der Lage wären, an nur zwei Tagen den Starnberger See zu füllen. Die Ländergrenze verläuft mitten durch dieses unglaublich beeindruckende Naturschauspiel.
Umgeben ist das Ganze von einer wunderschönen tropischen Natur, riesige Farne breiten ihre Fächer aus, dicke Lianen hängen von den Bäumen. Dazwischen fliegen allerlei bunte Vögel durch die Luft, darunter der schöne Riesentukan mit seinem überproportionierten gelb-orangen Schnabel, den wir im Parque das Aves, einem Vogelpark auf der brasilianischen Seite, erst einmal hinter Gittern bestaunt hatten. Affen spielen in den Bäumen und überall marschieren putzige Nasenbären auf der Suche nach Essenresten herum.
Doch auch diese Naturschönheit ist vergänglich. Die Wasserfälle, die auf spanisch wie portugiesisch lautmalerisch wundervoll ‚Cataratas‘ heißen, werden Expertenmeinungen zufolge in bereits 100 Jahren völlig ihr Gesicht verändert haben. Die Wassermassen reißen unaufhörlich Schlamm, Kies und Sand mit sich, was in die Spalten der Basaltblöcke gedrückt wird. So werden die einzelnen Fälle nach und nach zu einem einzigen riesigen Schlund zusammenwachsen.
###
Empfehlenswertes Hotel: Das vom Busbahnhof in Iguazú nur fünf Minuten entfernte Posada La Sorgente bietet seinen Gästen einen schönen Innenhof mit Pool und Außenbar, sehr bequeme Betten und ein sensationelles italienisches Restaurant.