Gerade als wir nach unserer Nachtbusfahrt das erste Mal die Augen aufschlagen, fahren wir schon durch das Herz der Stadt. Auf der Avenida 9 de Julio, die mit ihren 16 Spuren und 140 Metern als breiteste Straße der Welt gilt, passieren wir den bekannten 67 Meter hohen Obelisken. Wir steigen aus dem Bus und verrenken uns die Köpfe nach oben, hinauf an Prachtbauten aus dem frühen vergangenen Jahrhundert. Dass wir auf der Avenida de Mayo, dem zentralen Boulevard in Buenos Aires stehen, der den Kongress mit dem rosafarbenen Präsidentenpalast, dem Casa Rosada, verbindet, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir sind einfach beeindruckt und laufen voller Vorfreude auf die Stadt die fünf Straßenblöcke zu unserer zentral im Monserrat-Viertel gelegenen Wohnung. Der vornehmlich schachbrettförmige Aufbau der Stadt macht die Orientierung einfach.
Buenos Aires. Ein Destillat Argentiniens
Man sagt in Argentinien augenzwinkernd, der Mexikaner stamme von den Azteken ab, der Peruaner von den Inkas und der Argentinier von den Booten. Dieses Selbstverständnis, ein Produkt europäischer Einwanderung zu sein, schlägt sich auch in dem Wort Porteño nieder. Damit bezeichnen sich die Einwohner Buenos Aires selbst als Hafenbewohner. Die Metropole liegt am Río de la Plata, dem „Silberfluss“, in dessen Anlehnung im 16. Jahrhundert auch die angrenzende Landmasse mit der Bezeichnung Terra Argentea versehen und damit der heutige Name begründet wurde.
Argentinien ist fast achtmal so groß wie Deutschland, hat aber nur halb so viele Einwohner, wovon circa ein Drittel im Großraum Buenos Aires lebt. So ist Buenos Aires mehr als nur Hauptstadt, sondern Nabel von allem – nahezu alles, was in puncto Politik, Kultur, Sport und Wissenschaft Bedeutung hat, findet dort statt. Auch kristallisieren sich einige der Eigentümlichkeiten und Besonderheiten, die wir auf unserer kurzen Reise im Süden des Landes wie noch mehr in Mendoza und Córdoba erleben durften, in Buenos Aires vielmehr als charakteristisch heraus.
Andere Länder, andere Geschmäcker
Sobald man auf die Straße tritt, begegnen einem Menschen mit einer Thermoskanne unter dem Arm und einem Becher in der Hand, in dem sich ein grünes Kraut und ein Metallstrohhalm befinden. Egal ob jung oder alt, arm oder reich, morgens oder abends, unzählige Menschen schlürfen das Gebräu gefühlt pausenlos. Auch wir durften das Nationalgetränk, den Mate-Tee, schon mehrfach probieren. Geschmacklich liegt er für unseren Gaumen irgendwo zwischen feuchtem Stroh und frischgemähtem Gras. Sehr wahrscheinlich nur eine Frage der Gewöhnung oder womöglich auch der Geselligkeit – gerne wird das Getränk geteilt, der Becher wandert durch die Reihen, immer wieder wird heißes Wasser nachgegossen.
Auch bei den abendlichen Trinkgepflogenheiten ist Gewöhnung von Nöten. Mal ganz abgesehen von gutem Bier und ausgezeichnetem Wein trinkt der Argentinier zu fortgeschrittener Stunde allem voran Fernet Cola. Hier treffen süße Cola auf klebrigen Kräuterlikör, wobei das italienische Original Fernet Branca unangefochten an der Spitze steht. Durch ausreichend Eis im Glas vor dem Zuckerschock bewahrt, kann man sich beim zweiten Glas immerhin ein wenig anfreunden.
Süß ist generell eine bestimmende Komponente bei argentinischen Lebensmitteln. So war es uns nicht möglich, einen Joghurt ohne Zuckerzusatz zu finden, von einem weißen ganz zu schweigen. Diese Herausforderung setzt sich bei Instant-Kaffee, Säften und Milch fort. Dass man es süßer mag, manifestiert sich auch in der gewissermaßen überall lauernden Dulce de Leche, einer Creme aus Milch, Zucker und Vanille. Aus jedem zweiten süßen Teilchen in der Auslage quillt die zähflüssige, bräunliche Masse, zum Frühstück gehört sie neben Marmelade zum Standardangebot. Im Supermarktregal findet sich noch eine Vielzahl an Produkten – Joghurt, Kuchen, Kekse -, die dank Dulce de Leche noch ein wenig süßer werden.
Einig dürfte sich die Welt allerdings beim Steak sein. Argentinisches Rindfleisch ist großartig. Und braucht auch nicht viel mehr. Ein wenig Salat und Pommes sind geduldet, Chimichurri als einzige Soße akzeptiert, alles andere ist unnötiger Schnickschnack. Beim Asado, also beim Grillen, geht es ums Fleisch (plus Würstchen und Innereien). Und das vornehmlich vom Rind. So haben wir uns auch ein traumhaftes Steak in einem der traditionsreichen Parillas, den Grillrestaurants, der Stadt schmecken lassen. Wobei wir mit 22 Uhr früh beim Abendessen saßen. Mitternacht und ein Kilo – die Einheit, die pro Kopf bei einem Asado üblicherweise kalkuliert wird – schließen sich nicht aus. Nun, um auf 70 Kilo Fleisch pro Kopf im Jahr zu kommen, was etwa dem fünffachen Konsum in Deutschland entspricht, muss man auch etwas Einsatz zeigen.
Andere Länder, andere Tagesrhythmen
Das mit dem vollen Magen und der Nachtruhe ist aber kein Problem, da es um Mitternacht und später noch keineswegs Zeit fürs Bett ist. Buenos Aires schläft nie so richtig. Null Uhr ist durchaus eine Zeit, zu der der Porteño den Abend mit einem Barbesuch beginnt, um danach in den Club weiterzuziehen. Oder vielleicht alternativ zu einer Milonga zu gehen. Hier treffen sich Tango-Freunde, vom Laien bis zum Profi, zum Tanz. Einige der hierfür bekanntesten Lokale der Stadt öffnen erst um elf Uhr und später ihre Pforten, so dass sich die Tanzfläche bis ein, zwei Uhr morgens gefüllt hat.
Um die kurzen Nächte zu kompensieren, braucht es neben der aufputschenden Wirkung des Mate-Tees wohl auch reichlich Kaffee. Es gibt angeblich 8000 Cafés in Buenos Aires, die immer gut besucht scheinen. Viele Tische sind auch einzeln besetzt. In den Kaffeehäusern und Eckbars wird viel gelesen, immer liegen Zeitungen aus. Man kommt, um sich zu informieren, oft gibt es einen Fernseher in der Ecke, auf dem ein Nachrichten-Stream läuft. Eines der schönsten und ältesten Kaffeehäuser ist das Tortoni in der Avendia der Mayo, ein wunderbares Zeugnis für den Glanz vergangener Tage. In der im Jahre 1858 eröffneten Institution schlürft man seinen Café con Leche zwischen holzvertäfelten Wänden, die mit diverser Kunst geschmückt sind, unter einer verzierten Glasdecke, umgeben von Kellnern im schwarzen Anzug, die niemals, so umfangreich eine Bestellung auch sein mag, einen Notizblock zücken würden.

Tritt man wieder vor die Café-Tür, zeigt sich einem ein nicht seltenes Bild: Eine junge Frau oder ein junger Mann gehen Gassi und das mit sechs, sieben Hunden oder mehr. Immer wieder herrscht etwas Uneinigkeit zwischen Pudel, Border Collie und Dogge, ob jetzt hier oder da geschnüffelt, rechts oder links des Gehsteigs ein Geschäft verrichtet wird. Immer wieder verheddern sich die Leinen. In den zentralen, wohlhabenden Vierteln der Stadt hat man gerne einen Hund, aber offenbar nicht die Zeit oder Lust, mit ihm vor die Tür zu gehen. Die sogenannten Paseaperros (span. pasear = herumspazieren; span. perro = Hund) schaffen hier Abhilfe und führen die Haustiere der geldigen Auftraggeber im Verbund mehrmals täglich durch die Straßen der Metropole.
Die Cartoneros, die Papiersammler, stehen für das andere Ende der Wohlstandspalette. Am frühen Abend ziehen sie los mit ihren handgezogenen oder -geschobenen Wägen, um aus dem Müll, der an den Straßenrand gestellt wird, Pappe und Papier herauszufischen. Ihr Einsatz zieht sich durch die Abendstunden, kurz vor Mitternacht sieht man sie schwer beladen „Feierabend“ machen.
Eine Stadt, viele Gesichter
Der Kontrast und die Vielfalt sind in Buenos Aires die bestimmenden Charakteristika. Jedes der zentral gelegenen Viertel hat seinen eigenen Rhythmus, sein eigenes Gesicht, sein eigenes Milieu. In San Telmo, das zum ursprünglichen Kern der Stadt gehört, sind die mit kleinen Läden gesäumten Straßen schmal, die Häuser alt, der Putz bröckelt. Hier trinkt man entspannt seinen Kaffee in traditionsreichen Cafés, bummelt durch die Markthalle oder vorbei an Trödel- und Antiquitätenläden, lässt sich in guten Restaurants sein Steak schmecken und lauscht Livemusik rund um den hübschen Plaza Dorrego.
Während in San Telmo der Verfall charmant wirkt, erscheint das benachbarte La Boca in vielen Straßenzügen schlicht arm und heruntergekommen. Im Herzen des alten Hafenviertels, das einst vornehmlich von italienischen, heute von einem Mix an Immigranten geprägt ist, befindet sich mit der La Caminita allerdings eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. In dieser Straße reihen sich die alten windschiefen Conventillos, Mehrfamilienhäusern aus buntem Wellblech, aneinander, in denen die Siedler aus den verschiedenen europäischen Ländern zusammenlebten. Auf der Straße wird für den Touristen Tango getanzt, gemalt und Akkordeon gespielt, in den Läden warten Poster, Tassen und Kühlschrankmagneten mit Tango-Star Carlos Gardel oder Volksikone Evita auf Käufer. Alternativ ziert Diego Maradona die Souvenirs. Der Nationalheld ist untrennbar mit den Boca Juniors – neben River Plate der populärste Fußballclub des Landes – verbunden. Vor ihrem gelb-blau gestrichenen Stadion kicken Jugendliche auf dem Gehsteig, der mit Namen ihrer Idole gepflastert ist.
Das zentral gelegene Monserrat ist das historische Zentrum der Stadt. Es lassen sich viele bedeutende architektonische Bauten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entdecken, darunter der Palacio Barolo (Nr. 1370), das Gebäude der Tageszeitung La Prensa (Nr. 575) oder das Café Tortoni (Nr. 825). Hier befindet sich auch der Plaza der Mayo, auf dem unzählige öffentliche Demonstrationen stattfanden und -finden wie auch viele bedeutende Kundgebungen vom Balkon des angrenzenden Präsidentenpalast, dem rosafarbenen Casa Rosada, aus gegeben wurden. Filmversierte dürften jetzt vielleicht Madonna als Eva Perón vor Augen haben.
Auch heute demonstrieren auf dem Platz, den ferner die imposante Kathedrale und die wuchtige Nationalbank umrahmen, jeden Donnerstagnachmittag um 15.30 Uhr Dutzende Frauen, um an ein dunkles Kapitel der jüngsten argentinischen Geschichte zu erinnern. Sie marschieren schweigend mit Bildern ihrer Kinder und Angehörigen auf der Brust, die während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 spurlos verschwunden sind. Die Aufarbeitung der Verbrechen wurde zwar immer wieder aufgenommen, einzelne Täter verurteilt, doch der Großteil der Schicksale der rund 30.000 Opfer ist heute nach wie vor ungeklärt.
Ein Spaziergang durch Recoleta führt einen vorbei an eleganten Appartementhäusern, exklusiven Boutiquen und schön restaurierten ehemaligen Herrenhäusern. Auch wer shoppen oder ins Museum will, ist hier an der richtigen Adresse. Sehenswert ist der Cementerio de la Recolata, ein schöner Friedhof mit zahlreichen Mausoleen der wohlhabenden Einwohner der Stadt, darunter auch das der Familie Perón. Die Begeisterung für Evita scheint ungebrochen, ihr Grab ist blumengeschmückt und wohl immer, wie auch bei unserem Besuch, von einer Menschentraube umlagert.
Geschäftig geht es in San Nicolás zu, wo Banken und Bürogebäude die Straßen säumen und sich die Weltruhm genießende Oper Teatro Colón oder auch das Wahrzeichen der Stadt, der Obelisk, befinden. In der Avenida Corrientes geht man abends ins Theater oder ins Kino und lässt sich, wenn es nach unserem Vermieter geht, die beste Pizza der Welt in einer der alteingesessenen Pizzarien schmecken. Mit dem Superlativ wollen wir hier nicht ganz so großzügig sein, aber in jedem Fall das Prädikat „sehr lecker“ vergeben.
Um gut Essen zu gehen, Kaffee zu trinken oder die Nacht zum Tag zu machen, fährt man gerne auch nach Palermo Soho, einem der angesagtesten Viertel der Stadt. Die Gegend rund um den Plaza Serrano bietet jede Menge edle Restaurants, hippe Bars und teure Boutiquen und könnte sich gut und gern auch in München, Berlin oder Hamburg befinden. Hier arbeiten und leben die Kreativen, die Künstler und Designer, das Publikum ist jung, hipp und hat Geld.

Unser Fazit: Buenos Aires ist eine großartige Metropole, die ihren Charme womöglich nicht auf den ersten Blick entfaltet, sondern vielmehr erlebt werden will. So haben wir uns mehr als eine Woche Zeit genommen, um uns einfach treiben zu lassen, Dutzende Kilometer durch die Stadt zu laufen und ein ganz klein wenig wie der Porteño zu leben.