Was wollen wir in Lateinamerika alles sehen?
Machu Picchu!
Die Iguazú-Wasserfälle und die Atacama-Wüste.
Auf alle Fälle eine Ecke des Amazonas-Gebiets.
Und natürlich Buenos Aires!
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Wer mit vier Monaten (und mehr) in Südamerika plant, beginnt erst mal völlig ungeniert, Wunschdestinationen ins Rennen zu schicken. Man hat ja Zeit. Doch der Subkontinent ist riesig. Mit einer maximalen Ausdehnung von 7.600 Kilometer von Nord nach Süd und 5.100 Kilometer von Ost nach West kommen 17,8 Millionen Quadratkilometer zusammen, was circa 50 Mal der Fläche Deutschlands entspricht. Kommt der Umstand hinzu, dass man beim Reisen von A nach B soweit wie irgend möglich aufs Fliegen verzichten will – zum einen der Umwelt zuliebe, das Meilenkonto ist eh schon mehr als überstrapaziert, zum anderen erlebt und sieht man ja entschieden mehr in beziehungsweise von einem Land, wenn man auf dem Boden reist -, wird Zeit schon wieder relativ.
So saßen wir in Valparaíso am Pazifik mit dem nächsten „Unbedingt“-Ziel Buenos Aires auf unserer Liste, das zwar nahezu auf dem selben Breitengrad, dafür aber fast am anderen Ende der südamerikanischen Landmasse liegt. So klein die Ost-West-Ausdehnung auf dieser Höhe in Relation auch ist, knapp 1.500 Kilometer sind es dann doch. So haben wir uns hierfür fünf Tage Zeit genommen und auf dem Weg mit Mendoza und Córdoba zwei tolle Städte als Etappenziele für jeweils zwei Tage eingebaut.
Garniert wird diese Strecke naturgegeben durch eine Andenüberquerung, wobei sich der Pass Libertadores auf eine stolze Höhe von 3880 Meter über den Meeresspiegel schraubt. Im Winter kommt es hier immer wieder vor, dass der Grenzübergang aufgrund von Witterungsbedingungen gesperrt wird. Was dann auch zum Zeitpunkt unserer Planung der Fall war. Doch hatten wir wieder einmal Glück: Die Verbindung wurde nach zwölf Tagen Sperrung nur 24 Stunden nach unserem angestrebten Reiseantritt wieder freigegeben. Eine zwei Meter dicke Schneedecke hatte in kürzester Zeit alles unter sich begraben.
Diese sorgte bei unserer Fahrt für eine traumhafte Kulisse. Schon lange bevor sich die Straße hinaufwindet, sieht man die stolze Bergkette mit ihren weißen Gipfeln am Horizont. Auf der chilenischen Seite gewinnt man auf eine kurze Distanz schnell an Höhe, so dass sich die Straße in engen Serpentinen den steilen Hang bergauf schlängelt und der Bus nur noch im Schneckentempo Kehre um Kehre passiert – mehr Zeit, um den gigantischen Ausblick ins Tal zu genießen. Der Grenzübergang einige Hundert Meter unterhalb des höchsten Punkts ist von einer gleichermaßen schönen, weißen Winterlandschaft umgeben, was die Wartezeit in der Sonne sehr angenehm macht. Sechs Stunden, die uns die Feiertagsbesetzung und das erhöhte Verkehrsaufkommen durch die vorausgegangene lange Sperrung beschert haben, sind am Ende dann aber doch ein wenig lang.
Mendoza. Die Heimat von Malbec, Merlot & Co
Mendoza und die umgebene Maipú-Region sind vor allem für eines bekannt: Wein. 70 Prozent der argentinischen Produktionsmenge stammen von dort. Der Mammutanteil entfällt dabei auf Rotwein, wobei die Rebsorten Malbec, Cabernet Sauvignon und Syrah dominieren. Da ist das Programm schnell ausgemacht: Man geht zur Weinprobe. Damit einem die Verkostung nicht zu sehr zu Kopf steigt, packt die gewählte Tour schlauerweise den Besuch einer Olivenfabrik zwischen den zweier Weingüter. Hier sorgen Brot mit leckerem Olivenöl in diversen Sorten sowie allerlei Pasten für eine gute Grundlage für Runde zwei.
Natürlich haben wir uns nicht nur das eine oder andere Glas schmecken lassen, sondern auch ein wenig über die Kunst der Rotweinherstellung gelernt. Das Einmaleins in Kürze: Nach der Ernte wird die Traube gepresst, so dass ein dickflüssiges Gemisch aus Fruchtfleisch, Traubenkernen, Schalen und Saft entsteht, die sogenannte Maische. Diese kommt zur Gärung heute üblicherweise in Metall- beziehungsweise Edelstahltanks, wo sie bis zu einigen Wochen verbleibt. Darauf erfolgt das Pressen, wobei flüssige von festen Bestandteilen getrennt werden. Der vergorene Wein wird nun erneut umgefüllt. Bei jungen Weinen kommen teils Aluminiumtanks zum Einsatz, für die edleren Tropfen, sprich hochwertige, kräftige Rotweine ist die nächste Station das Barriquefass. Der Ausbauprozess beginnt, der Wochen, Monate und in einzelnen Fällen auch Jahre in Anspruch nehmen kann. Holzart, Alter und Größe des Fasses haben dabei erheblichen Einfluss: Je neuer das Fass ist, desto stärker ist der sogenannte Holzton, das heißt desto mehr Geschmacks-, Gerb- und Farbstoffe werden abgegeben. Je größer ein Fass ist, desto geringer ist der Holzkontakt in Relation zur Masse der Flüssigkeit, womit sich der Einfluss wiederum verringert. Die finale Reifung findet in der Flasche statt. Von Rebsorte zu Rebsorte unterschiedlich will er zeitnah getrunken oder noch über Jahre eingelagert werden – der Naturkorken sorgt hierbei für die notwendige Luftzufuhr.
Die Güte eines roten Rebensafts erkennt der Fachmann so dann am Geruch, natürlich am Geschmack und auch daran, wie sich der Wein im Glas bewegt. Bilden sich beim Schwenken dicke, ölig wirkende Lacrimas, Tränen (in englischsprachigen Ländern spricht man von Legs, Beinen), die langsam nach unten rinnen, hat der Winzer einen guten Job gemacht. Die Randfärbung gibt dem Versierten zudem Aufschluss über die Traube: Malbec beispielsweise schimmert in sattem Lila, Merlot in tiefem Rot, ein Carménère bräunlich. Aber auch für den Laien gibt es ein simples Erkennungsmerkmal für gereiften und länger ausgebauten Wein: Die Flaschen von jungen Tropfen haben am Boden keine Vertiefung, Reservas bzw. Gran Reserva-Weine dagegen schon. Damit können auch wir arbeiten.
Córdoba. Koloniale Pracht und Kirchenprunk
Córdoba ist eine Stadt zum Flanieren. Das Zentrum der mit 1,3 Millionen Einwohner zweitgrößten Stadt Argentiniens, das sich um den Plaza San Martín vornehmlich schachbrettförmig entspinnt, wartet vor allem mit prächtigen Kolonialbauten und imposanten Gotteshäusern aus. Besonders eindrucksvoll sind die Kathedrale am zentralen Platz, die Inglesia del Sagrado Corazón de Jesús im beliebten Ausgehviertel Nueva Córdoba und die Jesuiten-Kirche Iglesia Compañía de Jesús, an die sich unter anderem ein Kloster und eine Universität anschließen, womit ein riesiger Komplex, das Manzana Jesuítica, entstanden ist.
Dazwischen bieten sich an einem ruhigen Sonntag ein entspannter Stopp im Café Sorocabana am Plaza San Martín, ein wenig Sonnetanken am Plazoleta Jerónimo Luis de Cabrera hinter der Kathedrale oder auch im Parque Sarmiento am Ende der Avenida Hipólito Irigoyen an, um am frühen Abend einen Abstecher ins benachbarte Viertel Güemes zu unternehmen. Hier füllen Marktstände mit allerlei handgefertigten Produkten, Schmuck und Trödel die schmalen Straßen, die von kleinen, individuellen Läden für Krimskrams, Kunst und Kulinarischem gesäumt sind, dazwischen Bars und Restaurants. Eine Ecke, wo es abends auch mal länger werden kann.
Empfehlenswerte Hostels
- Hostal Lao in Mendoza: Schöne Doppelzimmer mit eigenem Bad sowie mit Charme und alten Möbeln eingerichteten Gemeinschaftsräumen. Die Lage in der Nähe des Busbahnhofs ist optimal, auch ins Zentrum sind es nur zehn Minuten.
- Hostal Babilonia in Córdoba: Einfache, zweckmäßige Zimmer mit Gemeinschaftsbad, dafür ein netter, mit allerlei Graffitis gestalteter Aufenthaltsraum sowie ein kleiner Innenhof. Gutes, wenn auch wie üblich süßes Frühstück.