CHILE_ VALPARAÍSO. Ein großes Freilichtmuseum

Oder: Es geht immer bergauf

„Du bist ein Regenbogen vielfältiger Farben, Valparaíso, du großer Hafen. 

 […]

Valparaíso liegt nahe bei Santiago. Sie sind nur durch die zottigen Berge getrennt, auf deren Gipfeln wie Obelisken große Kakteen ragen, feindselige, blühende.

Außerdem trennt etwas ewig Unbestimmbares Valparaíso von Santiago. Santiago ist eine gefangene Stadt, umzingelt von ihren Mauern aus Schnee. Valparaíso dagegen öffnet seine Tore dem offenen Meer, dem Geschrei der Straßen, den Augen der Kinder.“

Pablo Neruda (1973)

Diese Zeilen – und viele mehr – widmete der chilenische Literaturnobelpreisträger, der sich selbst als „Vagabund von Valparaíso“ bezeichnete, dieser lebendigen, weltoffenen Stadt, die knapp 120 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt liegt. Er fühlte sich der Hafenmetropole so verbunden, dass er dort eines seiner drei Häuser erwarb und den Großteil seiner letzten zwölf Lebensjahre verbrachte. „La Sebastiana“ taufte der Schriftsteller das vierstöckige, im Bauhausstil errichtete Gebäude in Anlehnung an den Namen des Architekten, das nach seinen Vorstellungen umgebaut und mit großer Sammelleidenschaft eingerichtet wurde. Das Ergebnis: eine verspielte, kreative und unkonventionelle Villa Kunterbunt und damit ein kleines Abbild Valparaísos.

Nerudas Begeisterung für das bunte Wirrwarr aus schiefen Häuschen, verwinkelten Gassen und unzähligen Treppen, die sich zwischen dem blauen Pazifik und den mehr als 40 Hügeln, den Cerros, ausbreiten, konnten wir schnell nachempfinden. Schon beim ersten Bummel durch das Herz der Stadt entfaltet sich ihr ganz besonderer Charme. Auf den ersten Blick leuchtet sie farbenfroh und lebenslustig. Gleichermaßen chaotisch und harmonisch strömt das bunte Häusermeer die Hänge hinab, hinein in das wirtschaftliche Zentrum der Stadt mit seinem geschäftigen Hafen, den zahlreichen Banken, Verwaltungsgebäuden und Kaufhäusern. Geht man so dann zwei Ecken weiter, wirkt sie dreckig und müde. Fast allem haftet ein morbider Beigeschmack an. Die Glanzzeiten des einst wichtigsten Ports Lateinamerikas sind sichtlich vorbei. Der Putz bröckelt, Pflastersteine fehlen, der Asphalt ist vielerorts aufgebrochen.

Bittere Armut trifft auf sichtlichen Wohlstand, Wellblechbaracke auf schmucke Villa, schmutzige Gosse auf Weltkulturerbe. Schick gekleidete Banker hasten an Obdachlosen vorbei. Dazwischen: Straßenhunde und ihre Hinterlassenschaften. Schnell wechseln sich lautes, hektisches Treiben mit verträumter, gar besinnlicher Ruhe ab. Es sind gerade diese Gegensätze, die Valpo, wie es die Einheimischen nennen, so attraktiv und einzigartig machen. Schon die spanischen Eroberer versahen die Stadt mit einem vielversprechenden Namen: Valle Paraíso, das paradiesische Tal. Bis auf die Jahre der Militärdiktatur war die kosmopolitische Stadt vor allem immer schon ein Paradies für die Kunst, die heute vornehmlich aus der Dose kommt – oder auch, wie wir in unserer exklusiven Street Art Tour (der Guide und wir) gelernt haben, aus dem Farbeimer, da Spraydosen für viele der Künstler zu teuer sind.

Graffitis und Street Art sind das Markenzeichen des heutigen Valparaíso. So passiert man keine Straße, keine Gasse und Treppe, an der sich niemand verewigt hat. Sei es durch simple Tags, den Signaturkürzeln, die alleinstehend für den Laien mehr wie eine Schmiererei anmuten und in der jugendlichen Gang-Kultur als eine Art territoriale Markierung fungieren. Oder durch sogenannte Pichação-Schriftzüge, eine spezielle Form des Tagging, das in São Paulo und Rio de Janeiro zu Hause ist. Hierbei werden die Buchstaben kryptischer und größer vornehmlich auf gut sichtbaren Wänden und Hochhäusern – nicht selten verbunden mit lebensgefährlichen Kletterpartien – angebracht.

In Valparaíso sind es aber vor allem die großformatigen, teils ganze Hochhauswände schmückenden sogenannten Murals, die einen Stadtbummel insbesondere in Concepcion und auf dem Cerro Alegre zum etwas anderen Museumsbesuch machen. Was als Protest gegen das faschistische Pinochet-Regime begann, findet heute nicht mehr nachts oder im Illegalen statt, sondern wird vielmehr als ein Besuchermagnet von der Stadtregierung forciert und gefördert. Viele Flächen werden offiziell zur Verfügung gestellt. Namenhafte Künstler erhalten Geld für ihre Werke, oft zumindest das Material. INTI, LRM, Charquipunk oder Zekis sind nur einige der berühmten lateinamerikanischen Street Art-Ikonen, deren Werke, auch im Verbund entstanden, die Straßen der Stadt und vieler weiterer Metropolen zieren. Dabei ist es eine lebendige Kunst. Täglich entstehen neue Bilder und Schriftzüge, alte werden übermalt oder verändert.

Neben den Wänden und Mauern sind es vor allem die Treppen, die von Künstlerhand gestaltet werden. Doch lohnt es sich, einmal auf den anstrengenden Aufstieg per pedes zu verzichten und stattdessen ein weiteres charakteristisches Kleinod von Valparaíso zu entdecken: die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Standaufzüge. Von den ehemals 30 Ascensores sind heute noch 15 in Betrieb. Hat man die teils schwer zu findenden Eingänge entdeckt, reist man für ein paar Pesos nicht nur von der Talsohle zu einen der Hügelterrassen, sondern auch kurz durch die Zeit. Das betagte Holz der farbig angestrichenen, kleinen Holzkabinen meckert schon beim Betreten, auch der knackende Laut beim Start fördert mehr das Gottvertrauen als eines in die alte Technik. Doch sie leistet, was sie soll und das schon seit rund 120 Jahren: Fast senkrecht ruckeln wir von Winden mit Stahlseilen gezogen den steilen Hang hinauf, um ein weiteres Mal das Farbspiel des Gesamtkunstwerks Valparaíso zu genießen.

###

Empfehlenswerte Tour: Die kurzweilige Street Art Tour (valpostreetart.com), bei der teils Künstler selbst, in jedem Fall aber versierte Kenner einem allerlei Interessantes über Graffitis im Allgemeinen, ihre Entwicklung sowie die Werke vor Ort erzählen. Start ist täglich um 10.30 oder 15:30 Uhr am zentral gelegenen Plaza Anibal Pinto, bezahlt wird mit Trinkgeld in Höhe nach eigenem Gusto. Jeweils eine halbe Stunde früher startet eine allgemeine Stadtführung nach selbem Prinzip (tours4tips.com).

Empfehlenswertes Hostel: Das zentral in der Calle Urriola gelegene Hostal Po ist selbst innen wie außen mit toller Kunst gestaltet und bietet eine gutes Frühstück sowie eine großartige Dachterrasse.