CHILE_ SEENGEBIET (1/2). Gartenzwerge im Schatten des Vulkans

Tiefblaue Seen, tosende Gebirgsflüsse, ursprüngliche Wälder, dampfende heiße Quellen und mächtige schneebedeckte Vulkane – die Seenregion hält mehr als nur ein Postkartenmotiv bereit und zählt zu Recht zu den schönsten Zielen einer Reise durch Chile. Im Gebiet, das sich zwischen Temuco und Puerto Montt erstreckt, gibt es zwei Hauptausgangspunkte, von denen sich die zahlreichen Attraktionen optimal erkunden lassen: im Süden Puerto Varas am Lago Llanquihue, dem mit 860 Quadratkilometern zweitgrößten Sees Chiles, und im Norden Pucón am Lago Villarrica.

So stiegen wir in Puerto Montt am Busbahnhof in einen der unzähligen blauen Minibusse, den sogenannten Micros, die einen gegen ein Fahrtgeld von maximal 2500 Pesos (umgerechnet ca. 3,20 Euro) in alle Orte der Region bringen, so auch in das circa 20 Kilometer entfernte Puerto Varas. Auf die Busse kann überall aufgesprungen werden, ein deutliches Handzeichen vom Straßenrand genügt – selbst auf der vierspurigen Autobahn. Da kann es schon einmal passieren, dass der Busfahrer den Rückwärtsgang einlegt und auf dem Standstreifen ein paar Hundert Meter zurückfährt, um einen Fahrgast einzusammeln.

1. Auf den Spuren deutscher Siedler: alte Holzhäuser und leckerer ‚Kuchen’

Puerto Varas schmiegt sich an das südliche Ufer des Llanquihue Sees, bei gutem Wetter sorgt der Osorno Vulkan am nördlichen Ostufer für eine gigantische Kulisse. Im Sommer zieren zudem zahlreiche Rosengärten die Promenade, aufgrund dessen der 33.000 Einwohner-große Ort auch den Beinamen Rosenstadt trägt. Bekannt ist die Region aber vor allem für seine deutschen Einwanderer, deren Siedlungsgebiet vornehmlich die heutigen Regionen Araucanía, Los Ríos und Los Lagos im sogenannten Kleinen Süden des Landes waren. Einer der Schwerpunkte lag dabei im Gebiet rund um den Llanquihue See, wo sich bis Mitte der 1870er rund 6000 deutsche Familien niederließen.

In einem etwa einstündigen Stadtspaziergang lassen sich zahlreiche historische Gebäude, die aus den ersten Tagen der deutschen Besiedlung von vor bis zu 150 Jahren stammen, ablaufen. Die Sehenswürdigkeit erschließt sich einem nicht immer auf den ersten Blick. Sicher ist, Farbe täte allen der alten Holzhäuser gut. Auch die als „deutsche Kirche“ bekannte Pfarrkirche Sagrado Corazón de Jesús, eine Holzkonstruktion mit Wellblechverkleidung, die einem Gotteshaus im Schwarzwald nachempfunden wurde, hat schon bessere Tage gesehen.

Es ist schon immer wieder erstaunlich, was es als Exportgut einer Kultur in die Welt schafft beziehungsweise aus Tradition bewahrt wird. Man liest immer wieder Deutsch: Im Zentrum prangt das Logo des ‚Deutschen Vereins‘ gut sichtbar auf einem Gebäude, auf Schildern werden ‚Strudel‘ und ‚Kuchen‘ – zweites hat es als deutsches Wort auch in die spanische Sprache in Chile geschafft – gepriesen, abends serviert man vielerorts ‚Kassler‘. Steigt man in den Bus ins knapp 30 Kilometer entfernte Frutillar (Bajo), wandert man an der Uferpromenade am ‚Haus am See‘, der ‚Puppenkiste‘ oder dem Café ‚Frau Holle‘ vorbei, von den Balkonen grüßen Gartenzwerge und die Feuerwehrautos tragen deutsche Schriftzüge (warum auch immer spiegelverkehrt). Neben diesen Zeugnissen der deutschen Kultur bietet das Städtchen auch einen netten Strand am glasklaren See. Da sich bei unserem Besuch die Sonne aber nicht so recht zeigen wollte, womit auch der Osorno Vulkan am gegenüberliegenden Ufer verborgen blieb, zogen wir einen Café-Besuch mit leckerem Kuchen – natürlich nach deutschem Rezept – einem längeren Strandaufenthalt vor.

2. Wandern am Fuße des Osorno Vulkans 

Lauffreudige kommen im Nationalpark Vicente Pérez Rosales auf ihre Kosten. Der bereits 1926 gegründete und damit älteste Nationalpark Südamerikas ist nach dem chilenischen Politiker und Diplomaten Vicente Pérez Rosales (1807–1886) bekannt und zeichnet sich aufgrund der zahlreichen Niederschläge in der Region vor allem durch Valdivianischen Regenwald aus. Daneben locken die Saltos de Petrohué, spektakuläre Stromschnellen am gleichnamigen Fluss, der Lago Los Santos, der wunderschön von einer grünen Bergkette umrahmt wird, und natürlich der Osorno Vulkan.

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Wir haben uns für eine rund fünfstündige Wanderung entschieden, die am Fuße des 2652 hohen, wieder mustergültig kegelförmigen Vulkans und entlang des Sees verläuft. Die Herausforderung der relativ flach verlaufenden Route ist keineswegs die Länge – gerade einmal 16 Kilometer sind zu bestreiten -, sondern der sandige Untergrund. Dieser macht jeden Schritt anstrengender und frustriert insbesondere bergauf, da man die Hälfte einer Schrittlänge wieder zurück rutscht. Da wir offenbar so viel Freude an diesem schweißtreibenden Workout hatten, schossen wir beim einzigen richtigen Anstieg am angestrebten Mirador vorbei und legten statt 200 circa 400 Höhenmeter zurück. Bei der Brotzeit an unserem nun selbstgewählten Aussichtspunkt sahen wir auf etwa halbem Weg das eigentliche Ziel. Der Ausblick auf den Lago Los Santos war es aber allemal wert.

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Empfehlenswertes Hostel: Das zentral gelegene Margouya Patagonia unter französischer Leitung befindet sich in einem der alten Holzhäuser aus frühester Siedlerzeit, ist aber restauriert und charmant mit zahlreichen schönen alten Möbeln und Wohnaccessoires eingerichtet. Ein betagter Holzofen sorgt für wohlige Wärme.