CHILE_ PUCÓN. Tanz auf dem Villarrica Vulkan

Schneebedeckt ragt er leuchtend weiß in den klaren Morgenhimmel. Rauchschwaden steigen über seinem Kraterrand empor. Im ersten, zarten Tageslicht sehen wir das Ziel unserer heutigen Wanderung zum ersten Mal in natura. Regenwolken wollten uns an den beiden vorausgegangenen Tagen keinen Blick auf den Villarrica Vulkan gewähren, der sich in perfekter Kegelform südlich des Städtchens Pucón geradezu majestätisch erhebt.

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Es ist 7 Uhr morgens. Gerade ist die Entscheidung gefallen, dass wir den 2847 Meter hohen, aktiven Vulkan besteigen können. Sonne bis zum frühen Nachmittag, kaum Wind, lautet die Prognose. Der Guide gibt grünes Licht, stellt lediglich in Aussicht, dass die Pausen kürzer ausfallen werden als gewohnt. Es kommt immer wieder einmal vor, dass geplante Touren noch im Morgengrauen abgesagt werden, die Wetteraussichten ändern sich rasant. Zudem verhindern regelmäßig verstärkte vulkanische Aktivitäten den Aufstieg. Nach dem Ausbruch im März letzten Jahres war der Berg erst einmal für neun Monate gesperrt.

Bildschirmfoto 2016-06-12 um 01.09.27Für uns kann es aber losgehen. Wir erhalten feste Bergstiefel, einen Eispickel und einen Rucksack, aus dem wir im Laufe des Tages wundertütengleich immer neues Equipment zaubern werden. Hierzu zählen ein Helm, ein dünnes Paar Handschuhe, Steigeisen, Gamaschen, eine Überziehhose, eine zusätzliche Jacke, Fäustlinge sowie eine Stoffschürze aus Gore-Tex, ein Tellerschlitten aus Plastik und eine Gasmaske.

Voller Vorfreude und mit jeder Menge Respekt mit Blick auf den alles überragenden Giganten am Horizont steigen wir in den Kleintransporter: acht Wanderwillige und letztlich drei Guides – etwas übertrieben, denken wir uns noch. Dass sie zahlenmäßig genau richtig aufgestellt sind, soll uns der Tag zeigen. Startpunkt ist an einer Talstation auf circa 1.400 Meter, wo sich auch die Schneefallgrenze befindet. In der Skisaison und den sich anschließenden Hauptsaisonmonaten wird der dortige Sessellift genutzt, um die ersten 400 Höhenmeter zu überwinden. Über die fehlenden Sicherheitsbügel müssen wir uns aber keine Gedanken machen. Im Juni ist der knallrote Lift geschlossen und sorgt von Eiszapfen überzogen lediglich für einen Farbklecks auf unseren ersten Bildern.

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In sehr gemäßigtem Tempo folgen wir im Gänsemarsch Serpentine um Serpentine den Fußstapfen, die ein Guide mit dem Pickel in die eisige Schneeoberfläche schlägt. Die Sonne hat es mittlerweile über den Bergkamm geschafft und steht gleißend, wenn auch nicht wärmend am blauen Himmel. So wird die erste kurze Pause nach etwa einer Stunde nicht nur dazu genutzt, die unfassbar schöne Aussicht über den Lago Villarrica, die hügelige Landschaft Araukaniens und die Vulkane Longuimay und Llaima am Horizont zu genießen, sondern auch um dick Sonnencreme aufzutragen und sich von den Guides die Steigeisen an die Füße schnüren zu lassen. Zudem erhalten wir weitere Instruktionen: Der Eispickel müsse immer zur Bergseite getragen werden, um diesen im Falle eines Sturzes blitzschnell in den Hang rammen zu können. Nachdem sich ein Guide zweimal demonstrativ über den Boden gerollt hat, beschließe ich, das definitiv nicht nachzumachen und senkrecht zu bleiben.

Unter unseren Schritten knirscht es. Das Metall an den Füßen leistet wertvolle Dienste. Anders wäre ein Fortkommen an dem steilen Hang auch kaum mehr möglich – beziehungsweise lediglich eines in die nicht gewünschte Richtung talwärts. Nach etwa zwei Stunden erreichen wir den Gletscher, was für uns auf den ersten Blick nicht klar ersichtlich ist. Doch funkelt es nun dort, wo wir den Schaft unseres Eispickels in die Schneeoberfläche gebohrt haben, in grellem Hellblau heraus.

Stoisch traben wir dem Guide für eine weitere Stunde hinterher, während ein Teil unserer Gruppe zurückgefallen ist. Wir aber rücken mit konstanter Geschwindigkeit dem Kraterrand näher. Schon lange wirkt er zum Greifen nah – doch scheint er immer wieder zurückzuweichen, sobald man den Blick abwendet. Der Wind wird stärker, regelmäßig fegen uns heftige Böen ordentlich Schnee ins Gesicht.

75 Höhenmeter vor dem Ziel stoppen wir auf einem Hauch von Ebene zum vorletzten Mal, um für rund zehn Minuten einfach nur die Aussicht zu genießen. Der Blick auf die mit Wattebauschwolken gefüllten Täler ist gigantisch. Nur wenige Meter vom Gipfel entfernt halten wir ein weiteres Mal, um die Gasmasken gegen die Schwefeldämpfe aufzuziehen und die Rucksäcke abzulegen.

Geschafft! Wir stehen auf dem Vulkan. Vor uns dampft und qualmt es. Der Wind spielt mit den weißen Schwaden, immer wieder werden wir von dichtem Rauch umhüllt. Ehrfürchtig blicken wir in den Abgrund. Wenn sich auch keine Lava zeigen will – der Magmalevel ist gerade sehr niedrig -, ein beeindruckender Anblick. Unserer Bewunderung dieses Naturspektakels sind allerdings enge Zeitgrenzen gesetzt. Seit dem letzten Ausbruch dürfen sich Gipfelstürmer nur für fünf Minuten am Kraterrand aufhalten. Vorher war es in den Sommermonaten sogar möglich, je nach Windrichtung und Schwefelausstoß, diesen gemütlich zu umrunden.

Eis, Wind und eine kleine Lawine – ein abenteuerlicher Abstieg

Eilig trommeln die Guides zum Abstieg. Die Wolken unter uns verdichten sich zusehends, so dass wir zu unseren Rucksäcken zurück spurten und die ersten Hundert Höhenmeter schnell hinter uns lassen – so zügig es Eis und Eisen zulassen. Nun wählen wir eine andere Route wie aufwärts. Oberhalb eines steilen Hangs halten wir, um klamottentechnisch aufzustocken. Wir schlagen mit dem Eispickel Mulden in die gefrorene Oberfläche, um unseren Rucksäcken zumindest etwas Halt zu geben, die Steigeisen aus- und die zusätzliche Hose und Jacke sowie das weitere Paar Handschuhe überzuziehen. Im mittlerweile zunehmenden Schneegestöber schnüren wir uns zu guter Letzt die Gore-Tex-Schürze um den Hintern. Von hier soll es nun sitzend und rutschend weitergehen.

Beim Blick den steilen Hang hinunter halte ich vom jetzigen Programmpunkt immer weniger und folge nur zögerlich den ersten Fünf. Dann passiert es. Das vor mir gestartete Mädchen löst ein Schneebrett aus. Der Guide und ein Junge, die bereits am Fuße des Hangs stehen, spurten zur Seite und können sich gerade noch retten, die beiden anderen Jungs werden von der Lawine erfasst. Glücklicherweise kommt das dünne Schneebrett schnell zur Ruhe, so dass beide oberhalb des Schnees bleiben und nach ein paar Überschlägen auch gleich wieder stehen. Der Guide gibt sofort per Walkie Talkie Entwarnung. Ein wirklich seltenes Ereignis am Villarrica: Die letzte Lawine ging vor vier Jahren ab, auch damals ist nichts passiert.

Mein Wohlgefühl ins Unermessliche gesteigert sitze ich nun noch unentschlossener am Hang. So wird die Aufforderung, wieder nach oben zu kommen, beim Anblick auf die senkrecht wirkende, vereiste Oberfläche, erst einmal ignoriert. Zugegeben, eine Taktik, die aufgrund des heraufziehenden Unwetters und der rund zehn Grad Minus wenig Erfolg verspricht. Das sieht auch der Guide so und holt mich ab.

Der Wind nimmt zu und bläst uns nun mit aller Kraft entgegen. Ohne Steigeisen an den Füßen stapfen wir gebückt und dicht gedrängt über einen eisigen Kamm zurück zur Aufstiegsroute, wo wir auf einen Teil der anderen Gruppe treffen. Trotz der mittlerweile fünf Kleidungsschichten spüren wir, wie die Temperaturen anziehen. Ein weiterer Rutschversuch wird gestartet, der entschieden besser funktioniert als erwartet. Doch heißt es immer wieder Stopp. Da der Hang streckenweise spiegelglatt ist und Mitstreiter mehrfach die Kontrolle verlieren – auch Steffen überholt mich einmal in rasantem Tempo -, werden besonders eisige Streckenabschnitte laufend absolviert. Ich halte mich an mein Vorhaben, keine außerplanmäßigen Bewegungen zu machen und bremse mich eisern, den Schaft des Pickels mit aller Kraft ins Eis gerammt, den Berg hinunter. So gleite ich meistens in angenehmen Tempo talwärts. Immer wieder lobend von einem der Guides begleitet, die wohlgemerkt laufend und ohne Steigeisen neben uns hinunter springen oder alternativ mit kleinen Bigfoot-Skis hinab brettern, um bei Bedarf noch schneller zur Hilfe eilen zu können. Nun, die haben das ja auch schon öfter gemacht.

Für die letzten 400 Höhenmeter bekommen wir wieder unsere Steigeisen an die Füße geschnallt. Trotz mittlerweile dichtem Schneetreiben bewerkstelligen wir die Zieletappe so sicheren Schrittes und können auch den beiden Mädels aus unserer Gruppe, die es leider nicht bis zum Gipfel geschafft haben und ziemlich erschöpft vor sich hin stolpern, Arm und Geleit bis zur Talstation anbieten.

Der Rückweg kann bei optimalen Bedingungen mit Pulverschnee und ohne Eis sicherlich deutlich mehr Spaß machen. Nur wenige Tage zuvor konnte eine Gruppe noch den gesamten Berg bis zum Ausgangsort herunterrutschen. Auch hier sieht man, wie schnell sich die Konditionen verändern können. Dank der guten Betreuung war es aber auch so eine durchwegs gelungene Tour, die nun als kleines Abenteuer in unser Reisetagebuch eingehen kann.

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An dieser Stelle ein weiteres Hoch auf die Off-Season: In der Hochsaison ist der Villarrica Vulkan trotz der beachtlichen Anzahl an zu bewerkstelligenden Höhenmetern Massen ausgesetzt. Mehr als 150 Menschen suchen hier täglich ihr Gipfelglück, Anfang Juni waren es gerade einmal zwei Achtergruppen. Wieder einmal ein sehr exklusives Highlight!