CHILE_ PATAGONIEN. Wandern im späten Herbst. Oder: Unbedarfte gehen auf Tour

Mehrtägige Wanderungen mit vollem Gepäck? Vier Tage ohne Dusche? Zelten bei Minusgraden? Um ehrlich zu sein, erschien ersteres wenig attraktiv, zweites auch nicht besonders erstrebenswert, drittes gar lebensgefährlich – warum auch schleppen oder frieren, es gibt so viele schöne Tagestouren.

Dann haben wir angefangen, uns zu unterhalten… Jeder, mit dem wir sprachen, berichtete mehr als enthusiastisch von der unglaublichen Natur und der abwechslungsreichen Route und bestätigte zudem, dass es auch für durchschnittlich fitte Menschen wunderbar zu schaffen und die Gefahr eines Tods durch Erfrieren sehr überschaubar sei. Mit dem Hintertürchen, nach der ersten Nacht zurückzumarschieren, wenn es ganz und gar unerträglich ist, war die Entscheidung gefallen: Wir machen das.

Es ist absolut verständlich, warum die W-Route zu den beliebtesten Touren im Torres del Paine Nationalpark zählt und ebenso gut vorstellbar, dass die Zuschreibung, eine der schönsten Wanderungen in Patagonien überhaupt zu sein, passt. Der mehrtägige Trek hält jeden Tag eine neue Attraktion bereit, so dass man immer wieder einfach nur stehenbleiben und staunen kann: über den blau-glitzernden Grey-Gletscher, das abwechslungsreiche, imposante Valle del Francés oder auch die stolzen Granitnadeln der Torres del Paine. Und mit Blick auf die Rahmenbedingungen verdient unsere Tour eben keineswegs das Prädikat „hinreichend“, „überlebbar“ oder „in Ordnung“, sondern vielmehr ein „sehr empfehlenswert“ (im Detail: CHILE_PATAGONIEN. Der Torres del Paine Nationalpark, der W-Trek und wir).

Warum der Mai eine sehr gute Zeit für den berühmten W-Trek ist

Eines der für uns schlagendsten Argumente ist Exklusivität statt Wandern im Verbund. Die Kapazitäten der Campingplätze (die zu Stoßzeiten in Teilen wohl auch vorzubuchen sind), die Refugios, die zusätzlich Hunderten Platz bieten, und die Möglichkeit, sich ordentlich Weg durch eine Bootsfahrt zum Refugio Grey zu sparen, lassen nur erahnen, was für Massen hier in der Hauptsaison durch den Park pilgern.

Die Wetterstabilität. Sicherlich gehört immer etwas Glück dazu und auch die Sommermonate bieten Sonne und Trockenheit am Stück, doch ist die Wahrscheinlichkeit, ohne Niederschlag die Tour zu bewerkstelligen, insbesondere im patagonischen Herbst hoch. Gegen die Kälte hilft ein ausgeklügelter Zwiebel-Look, die heiße Flasche im Schlafsack und das, wozu man ja eigentlich vor Ort ist: Bewegung. In der Regel reichen lediglich ein paar Minuten Fußmarsch aus, um beim morgendlichen Start oder bei Pausen wieder Wohlfühltemperatur zu erreichen.

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Zudem ist es günstiger: Sowohl beim Parkeintritt (11.000 statt 18.000 Pesos/Kopf) als auch beim Campingplatz (5.500 statt 7.000 Pesos/Kopf) wird in der Nebensaison weniger verlangt. Ebenso besteht die Möglichkeit, sich in relativ preisintensive Refugios einzuquartieren, schlicht nicht – was man natürlich auch als Nachteil sehen kann ;).

Ein kleines Aber sind vielleicht die verhältnismäßig kurzen Tage mit circa 10 Stunden Tageslicht: Sonnenaufgang ist um kurz vor 8 Uhr, die letzten Strahlen verschwinden um kurz vor 18 Uhr. Was aber an sich lediglich bedeutet, nahezu jede Minute Tageslicht zu nutzen, um die Strecken entspannt im Hellen zu bewerkstelligen. Da eine Stirnlampe eh zu den wichtigsten Utensilien einer solchen Wanderung zählt, ist man auch gewappnet, wenn man sich einmal nicht vom Ausblick losreißen konnte oder man zu oft angehalten hat, um Schönes ins Bild zu bannen.

Was muss mit?

Wer nicht vor hat, eine Reise ausschließlich wandernd und zeltend zu verbringen, wird kaum Schlafsack, Isomatte und Gaskocher prophylaktisch im Gepäck haben. Kein Problem. Puerto Natales hält als Tor zum Nationalpark nicht nur ein Bett in unzähligen Hostels für die Nacht vor und nach der Tour bereit, sondern bietet auch vielfach die Möglichkeit, sich mit dem notwendigen Equipment einzudecken, ob neu, gebraucht oder geliehen.

DSC06118Als perfekte Anlaufstelle können wir das Erratic Rock (www.erraticrock.com), ein sehr gemütliches, individuelles und mit viel Charme geführtes Hostel, empfehlen. Das Team rund um Bill, einem Auswanderer aus den USA, versorgt einen in einer täglich um 15 Uhr stattfindenden Info-Hour mit allen notwendigen Insights zu den möglichen Wanderungen und beantwortet unermüdlich die noch so dämlichen Fragen. Wir waren zu fünft, in der Hochsaison finden sich hier bis zu 120 Menschen im sogenannten Base-Camp, der von Bills Bruder geführten Bar neben dem Hostel, ein. An Ort und Stelle kann man sich so dann auch alles Notwendige bzw. Fehlende leihen.

Im Basispaket sollten enthalten sein:

  • Großer Rucksack – ist dieser optimal justiert, sprich das Gewicht auf Hüften und Rücken verteilt, ist das Marschgepäck selbst bei zweistelligen Kilometerzahlen pro Tag und einigen Höhenmetern kein Problem (zwei Drittel der knapp 100 Kilometer läuft man ja dann doch mit komplettem Gepäck)
  • Warmer Schlafsack – die Geliehenen waren bis Minus 9 Grad ausgelegt, was ausreichend war
  • Isomatte
  • Zelt – immer einen Probelauf vor der Wanderung machen, da man das Zelt zu dieser Jahreszeit in der Regel in der Dämmerung oder gar im Dunklen aufbaut
  • Wanderstöcke – leisten gerade beim Laufen mit schwerem Rucksack, bergauf wie bergab, wertvolle Dienste, um das Gleichgewicht zu wahren; zudem sieht man wirklich mehr von der Natur und weniger von seinen Schuhen
  • Stirnlampe – Ersatzbatterien nicht vergessen
  • Gaskocher + ausreichend Gaskartuschen – Feuerzeug einpacken für den Fall, dass der Zünder nicht funktioniert
  • Topf, Teller/Schüssel + Löffel – je nach Lebensmittel wird natürlich noch anderes Besteck benötigt
  • Tasse + Trinkflasche – im Prinzip reicht untertags eine Tasse, überall fließen Bächen, aus denen bedenkenlos getrunken werden kann; nächtlich ist die Flasche, gefüllt mit heißem Wasser, aber unentbehrlich
  • Mütze, Schal + Handschuhe – eventuell zwei Paar einpacken, wenn man nachts nicht die verschwitzten Sachen vom Tag tragen möchte
  • Regenjacke – ein Schutz gegen Niederschlag ist unverzichtbar, denn einmal nass, trocknet bei den Temperaturen schlicht nichts; damit wäre eine Regenhose noch eine gute Ergänzung (wir hatte keine, aber auch jede Menge Glück mit dem Wetter)
  • 2 Sätze Klamotten – einer zum Wandern, einer für abends; auch ein weiteres leichtes Paar Schuhe ist sinnvoll, damit Füße und Wanderschuhe mal eine Pause voneinander bekommen
  • Plastiktüten – der Profi schützt sein Gepäck nicht von außen, sondern von innen, d.h. als erstes kommt ein riesiger Müllbeutel in den Rucksack, Wichtiges wie Klamotten zusätzlich in einen weiteren Plastiksack
  • DSC05564Essen für 4 Tage – wir haben uns an die drei Grundsätze 1. gewichtstechnisch leicht, 2. unkompliziert zuzubereiten und 3. nahrhaft gehalten. Das resultierte in folgendes Tagesmenü: eine Instant-Nudelsuppe pro Kopf zum Frühstück, Snacks für den Tag (ca. eine Tafel Schokolade + 100 Gramm Nüsse + weitere Schokoriegel) sowie eine Packung Reis (2-3 Portionen) in verschiedenen Geschmacksrichtungen für abends; grundsätzlich sind Müsliriegel und Trockenobst gut, empfehlenswert auch ein paar Beutel Tee.

So lautet die Empfehlung von den Erratic Rock-Jungs in puncto Verpflegung auch „keep it easy“: Essen beim Wandern muss schlicht nur satt machen und untertags idealerweise mit einer Hand ‚snackable’ sein. Richtig belohnen kann man sich dann an Tag 5 mit einem ordentlichen ‚Victory Dinner‘. Das haben wir auch gemacht.

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