El Calafate am riesigen Lago Argentina ist ein wenig spannendes, sich im Mai gänzlich im Winterschlaf befindendes Retortenörtchen, das alleinig dazu entstanden ist, Besuchern des Los Glaciares Nationalpark eine Anlaufstelle zu bieten. Und die kommen in der Hochsaison in Massen. Ein riesiges Angebot, zu dieser Jahreszeit an freien Unterkünften verrät, was hier im Sommer los ist. Der sich 80 Kilometer vor der Stadt befindliche Perito Moreno ist der Grund.
Mal wieder ein Superlativ
Und auch ein richtig Guter, warum die fünf- bis sechsstündige Busfahrt aus Puerto Natales lohnt. Hinter dem Namen des argentinischen Entdeckers und Anthropologen Francisco Pascasio Moreno (‚Perito‘ ist spanisch für Experte, Sachverständiger) verbirgt sich der wohl schönste Gletscher der Welt. Diesen riesigen Auslassgletscher des Campo de Hielo Sur, des größten Gletschergebietes der südamerikanischen Anden, erspäht man schon aus der Ferne. Bereits hier wirkt die Komposition aus Bergen, Eis und See als fast zu viel des Guten. In einem unglaublichen Weiß bahnt sich der Gletscher seinen Weg zwischen den schneebezuckerten, grau-braunen Bergen in einen milchig-stahlblauen See.

Doch das wahre Ausmaß seiner mächtigen Schönheit entfaltet sich aus der Nähe. Der Betrachter blickt auf ein Meer aus weißen Zacken, das sich die Hänge hinauf zieht. Die Sonne, unter der wir Glückspilze dieses Naturwunder bestaunen dürfen, perfektioniert das Spektakel: Der Gletscher erstrahlt an seiner bis zu mehr als 70 Meter hohen Abbruchkante, in seinen Spalten und Verwerfungen in der ganzen Palette schönster Eisbonbon-Tönen bis hin zu einem dunklen, unglaublich leuchtenden Blau. Der See, als möchte er konkurrieren, ergänzt einen Mix aus kräftigem Mint, Türkis und Petrol.
Immer wieder knackt es. Plötzlich kracht es. Der Perito Moreno, der im Gegensatz zu den meisten Gletschern nicht schrumpft, fließt kontinuierlich – mit einer Geschwindigkeit von bis zu zwei Zentimetern pro Stunde – talabwärts. An der Abbruchkante taut das Eis teils langsamer, teils schneller, was dazu führt, dass sich Risse bilden und immer wieder mächtige Brocken abbrechen und mit viel Getöse in den Lago Argentina rauschen – der Gletscher kalbt. In den rund eineinhalb Stunden vor Ort durften wir acht kleinere Abbrüche erleben. An dieses Spektakel kommt man im Los Glaciares Nationalpark selten nahe heran. Hierfür wurde eine riesige Brücken- und Treppenlandschaft gebaut, die es jedem, inklusive Kinderwagen, Rollstuhl und Rollator, erlaubt, auf Tuchfühlung zu gehen.

Relation ist alles. Standen wir in Neuseeland noch völlig begeistert in circa 400 Meter Entfernung vor dem recht schmutzigen, viel Geröll transportierenden Glacier Fox, dem ersten Gletscher unserer Reise, hob der blau-funkelnde Glaciar Grey im Torres del Paine Nationalpark, an dem man auf weniger als 200 Meter herankommt, die Messlatte ordentlich an. Jetzt können wir uns allerdings schwer vorstellen, dass es in puncto Gletscher noch etwas Beeindruckenderes oder Schöneres als den Perito Moreno gibt.

Das Gute eines geänderten Plans. Oder: Der großartige Fitz Roy
Nach diesem lohnenswerten Abstecher sollte es an sich erst einmal wieder zurück nach Chile gehen. Es gibt die tolle Möglichkeit, mit der Navimag-Fähre von Puerto Natales in vier Tagen und drei Nächten hinauf nach Puerto Montt zu fahren. Auf circa 950 Seemeilen, was mehr als 1700 Kilometern entspricht, können so Ecken der Fiordlandschaft Chiles entdeckt werden, die ausschließlich auf diesem Weg zugänglich sind. So weit unser Plan, die Wirklichkeit sieht von März bis August anders aus. Aufgrund der stürmischen und unberechenbaren Witterung dürfen neben der Crew in den Herbst- und Wintermonaten ausschließlich Güter an Bord. Mal wieder ein Punkt für unsere „Wir kommen ja wieder“-Liste.
Planänderung haben ja meistens etwas Gutes. So haben wir beschlossen, uns auf argentinischer Seite und damit östlich der Anden einen Weg gen Norden zu suchen. Damit hieß unser nächstes Ziel: El Chaltén, das vorher niemand für diese Reise auf dem Radar hatte. El Chaltén, ein ebenfalls rein für touristische Zwecke in den 80er Jahren erbautes Dorf, gilt als die Wanderhochburg der südlichen argentinischen Anden und liegt am nördlichen Rand des Los Glaciares Nationalparks. Damit den Instruktionen der Parkverwaltung niemand auskommt, stoppen alle Busse für einen fünfminütigen Vortrag in Englisch oder Spanisch am Besucherzentrum. Wirklich sinnig und informativ.

Wir haben uns mit der 21-Kilometer-Wanderung zur Laguna Los Tres einen Klassiker unter den Tagestouren herausgesucht. Diese startet gut markiert am nördlichen Ortsrand. Um so verwunderlicher ist es, dass wir es dennoch bewerkstelligen, nach nicht einmal zwei Kilometer vom eigentlichen Weg abzukommen… 45 Minuten später sind wir zurück auf dem breiten, gut präparierten Pfad, der sich in angenehmer Steigung nach oben windet.
Schnell erreichen wir die Laguna Capri, die zugefroren in den ersten, verhaltenen Sonnenstrahlen des Tages – gestartet waren wir bei leichtem Nieselregen – vor uns liegt. Trotz dessen das Eis auch schweren Wurfgeschossen standhält, traut sich niemand auf die spiegelglatte Fläche. So spazieren wir fast eben weiter. Immer wieder kann man durch die sich mehr und mehr lichtenden Wolken einen Blick auf die Bergkulisse und ihre Gletscher erhaschen. Doch das wahre Highlight will sich noch nicht zeigen.
Nach acht Kilometern auf dem richtigen Weg und noch vor der letzten, mit knapp 400 Höhenmetern verbundenen anstrengendsten Etappe machen wir es uns neben einem wenig scheuen, wie wir nach Recherche nun wissen, sogenannten Schopfkarakara am Fuße des Campamento Poincenot gemütlich, um eine kurze Brotzeitpause einzulegen. Und dann war es soweit. Das Wolkenband reißt auf, um endlich die Aussicht freizugeben. Auf den stolzen und wunderschönen Cerro Fitz Roy (in der Sprache der Tehuelche-Indianer auch Cerro Chaltén), der mit seinen 3.405 Metern seine steinigen Nachbarn um einiges überragt.

Der durch Regen bedingte verspätete Start am Morgen sowie unsere Exkursion fern des richtigen Weges verhindern es aber leider, dass wir dieser spektakulären Kulisse noch näher kommen können. Ein Parkranger, dem wir wenige Meter nach unserer Pause in die Arme laufen, empfiehlt uns nachdrücklich, den Anstieg zu diesem Zeitpunkt (es war kurz vor 2 Uhr) nicht mehr zu unternehmen. Als Entschädigung weichen die Wolken weiter, so dass wir uns auf unserem Rückweg immer wieder zu einem beeindruckenden Bergpanorama umdrehen können. Da wir nirgends mehr ohne Stirnlampen hinmarschieren und wir bereits um kurz nach 16 Uhr beim verdienten, übrigens sehr leckeren Quilmes-Bier auf unserer Veranda sitzen, hätten wir die komplette Tour allerdings locker und auch sicheren Fußes geschafft. Nun, wieder ein Punkt für die „Wir kommen ja wieder“-Liste…
Empfehlenswerte Unterkunft in El Chaltén: Lo te Trivi Hostal – großzügiges, super warmes Doppelzimmer mit eigenem Bad, sehr gut ausgestatteter Küche; Lage am nördlichen Dorfende und damit fast am Ausgangspunkt für die Wanderung zur Laguna Los Tres