NZ Südinsel_ Etappe 5. Die West Coast

(Ca. 450 Kilometer / 5 Tage)

Nach der schönen Wanderung zum Roys Peak musste eine Entscheidung her: Die Southern Alps können entweder östlich oder westlich umfahren werden. Die Ostroute wartet unter anderem mit den Seen Pukaki und Tekapo, einzigartige Möglichkeiten zum Sternekucken am Mount John oder auch dem Mount Cook, dem höchsten Berg Ozeaniens, aus nächster Nähe auf. Die Westroute bietet eine atemberaubende Küste, von bizarrem Treibholz übersäte menschenleere Strände, Gletscherzungen im Regenwald, versteinerte Pfannkuchen und drei weitere Nationalparks. Mehr aus dem Bauch heraus als dass wir uns für ein bestimmtes Ziel im Besonderen entschieden hätten, steuerten wir unseren Camper am nächsten Tag in Richtung West Coast.

Der Haast Highway – Attraktionsreiche Verbindung zur Küste

Verlässt man Wanaka mit einem letzten seufzenden Blick auf den schönen See, muss man nicht lange warten, um sich erneut in einer ähnlichen Kulisse wiederzufinden: Der SH6 führt am benachbarten Lake Hawea entlang, wo wir einen ausgiebigen Frühstücksstopp – natürlich zur Mittagszeit – direkt am Ufer eingelegt haben. Die sich nun anschließende Strecke bis zur Küste hält die Messlatte in puncto naturseitiger Sehenswürdigkeit mehr als hoch: Der Haast Highway bzw. der mit 563 Höhenmetern niedrigste Straßenpass, der Haast Pass, benannt nach einem deutschen Geologen, bietet zahlreiche, mehr oder weniger lange Walks unter anderem zu donnernden Wasserfällen wie den Thunder Creek Falls, verzauberten Schluchten oder den Blue Pools bereit. Hier wandert man durch einen lichten Silberbuchenwald zum Treffpunkt zweier Flüsse, worüber eine schöne Hängebrücke gespannt ist, von der sich Springwillige, darunter natürlich auch Steffen, in die Tiefe plumpsen lassen können – die Höhenangaben variieren, befragt man Springer und Zuschauer. Wenn die Sonne steil um die Mittagszeit einfällt, erstrahlt das Wasser in grellem Türkis, in der Nachmittagssonne, als wir vor Ort waren, zeigt sich ein nicht minder schönes, tiefes Blaugrün.

Am Knights Point, der man circa 20 Kilometer nach Erreichen der Küste passiert, hat man einen ersten perfekten Ausblick auf die Tasmanische See, worauf die Straße erst einmal ins Inland abzweigt. Zurück an der Küste fanden wir an der Bruce Bay, „one of NZ’s 10 most loved beaches“, wie auf einem Schild zu lesen war, unseren Stellplatz für die Nacht. Der Freedom Camping Site, den keiner unserer beiden Camping Apps auswies, ist auch wirklich beeindruckend: Tosende Wellen brechen auf den grauen Sandstrand und hinterlassen Unmengen an Treibholz, teils werden ganze Bäume von den Wellen zu abstrakten Gebilden drapiert. Blickt man die Küste hinauf verschwimmt der Horizont in der Gischt der Brandung, akustisch begleitet von lautem Grollen der Wellen. Die Tasmanische See zeigt sich wie sie klingt, wild und ursprünglich.

Fox und Franz Josef – Gletscherzungen im Regenwald

Beide Gletscher fließen von fast 3000 Meter Höhe an der Westseite des Alpenkammes bis in die Regenwaldzone des Voralpenlandes hinunter und verändern dabei ständig ihr Gesicht, am oberen Ende wachsen sie durch Neuschnee nach, am unteren schmelzen sie wärmebedingt ab. Dabei sind sie ständig in Bewegung – der Franz Josef Gletscher legt teils bis zu acht Metern am Tag zurück. Bedingt wird dies durch den Druck des Eises auf der steinigen Unterfläche, der Wärme erzeugt und Wasser entstehen lässt, das wie eine Schmierschicht wirkt und die Eismassen dem Gesetz der Schwerkraft folgend talwärts fließen lässt.

Von Süden kommend ist der Fox Glacier die erste Attraktion. Nach einem halbstündigen Fußmarsch durch leichten Nieselregen im Spalier mächtiger Berge erreichten wir das Plateau, das noch circa 400 Meter vom Gletscher entfernt ist. Dennoch ist der Anblick faszinierend, insbesondere wenn man sich bewusst macht, dass man sich nicht einmal 500 Meter über dem Meeresspiegel befindet. Der markierte Weg dorthin wird vom DOC (Department of Conservation) fortwährend auf seine Gegebenheiten untersucht, aufgrund der Bewegungsfreude des Gletschers und häufigen Abbrüchen wohl auch immer wieder umgeleitet oder gar abgesperrt.

Als nächtlicher Stellplatz empfiehlt sich, den 21 Kilometer vom Fox Glacier Township entfernten Gillespies Beach anzusteuern, auch wenn davon 12 Kilometer auf einer schmalen, kurvenreichen Schotterpiste zurückzulegen sind. Diese führt nämlich durch wunderschönen, verwunschenen Wald. Der Strand ist ein mehrere Kilometer langes Steinband, das übersät ist von Baumstümpfen, Ästen und Wurzeln, die von der Brandung und sicherlich auch von Menschenhand kunstvoll angeordnet werden. Bei steifer Meeresbrise und leichtem Nieselregen hat man das Ganze noch dazu exklusiv für sich.

Auch beim Franz Josef Gletscher kommt man bei guten Witterungsbedingungen fast ans Eis heran, doch wird dieser Weg bei Starkregen – wie in unserem Fall – und Schneeschmelze im Frühjahr häufig gesperrt. So blieb uns der viertelstündige Sentinel Rock Walk zu einer Aussichtsplattform hoch über dem Flusstal, von der man grundsätzlich einen perfekten Gletscherblick haben soll. Voraussetzung: wenigstens etwas Sicht. Unser Ausblick beschränkte sich auf dunkle Regenwolken, die tief zwischen den Bergen hingen. Den Namen des österreichischen Kaisers verdankt der Gletscher übrigens dem Geologen Julius von Haast, der ihn 1865 als Gruß an seinen Expeditionspartner Ferdinand Hochstetter aus Österreich so benannte.

Okarito – Vogelparadies mit großartiger Rundumsicht

Der helle Streifen am Horizont versprach Wetterbesserung, so dass wir einfach Mal ins Blaue gefahren sind – mit dem Ziel: Okarito. Historiker gehen davon aus, dass auf Höhe Okaritos mit Abel Tasman 1642 zum ersten Mal ein Weißer Neuseeland vor Augen hatte. Wäre er mal an Land gegangen. Das heute 30-Seelen-Dorf liegt wunderschön eingebettet zwischen dem offenen Meer und der Okarito Lagoon, wo diverse Wattvögel beobachtet werden können. Ornithologisch vielleicht noch ein bisschen interessanter ist der Fakt, dass in den umliegenden Wäldern zahlreiche Kiwis zuhause sind, darunter auch die seltenste Art – wir haben aufgrund der Tageszeit allerdings weder einen gesehen noch gehört. Ein echtes Highlight ist der Okarito Trig Walk, den man in eineinhalb Stunden gut bewerkstelligt. On top kommt aber mindestens eine halbe Stunde am Wendepunkt, einem trigonometrischen Aussichtspunkt, um der umliegenden Schönheit gerecht zu werden. Auf der einen Seite die Lagune, im Rücken das Meer, und vor einem – endlich – die weißen Gipfel der Southern Alps vor sattem Grün des Regenwalds, inklusive des Franz Josef Gletschers sowie des stolzen Mount Cook, der höchste Berg Ozeaniens.

Fährt man weiter gen Norden, erreicht der SH6 nach rund 125 Kilometer Hokitika, ein Küstenort, der heute für seine Greenstone-Vorkommen, einst für sein Gold bekannt war. Neben einigen historischen Bauten aus dem frühen 19. Jahrhundert ist vor allem der Strand einen Besuch wert, dessen grauer Sand von einem breiten Band an Steinen unterbrochen ist, an den das Meer mit beeindruckenden Wellen brandet.

Die Straße verläuft nun eng an der Küste, was immer wieder traumhafte Ausblicke garantiert, insbesondere der Streckenabschnitt nach Greymouth, der Sitz der Provinzregierung, ist unglaublich schön. Immer wieder steuert man eine Parkbucht an, um die rauhe Küste, die von Felsvorsprüngen unterbrochen und mit zahlreichen Felsen in der Brandung gespickt ist, ins Bild zu bannen.

Der Paparoa National Park – Pfannkuchen, Urwald und tiefe Schluchten

Am späten Nachmittag kamen wir in Punakaiki an, wo sich das Aushängeschild des umliegenden Paparoa National Parks, die Pancake Rocks, befinden. Dabei handelt es sich um rund 30 Millionen Jahre alte übereinander geschichtete Ablagerungen von Kalksedimenten und Tonmineralien, die unterschiedlich schnell erodieren, seit sie durch Landhebung Wellen, Wind und Niederschlägen ausgesetzt sind. In schönster Abendsonne unternahmen wir den Rundweg, der im Stechschritt in 15 Minuten zu schaffen ist, gut und gerne aber auch eine Dreiviertelstunde unterhält. Wenn man bei steifem Westwind und Flut (um die Mittagszeit) unterwegs ist, kann man neben der schönen Kulisse noch ein wohl sehr imposantes Spektakel erleben: Dann suchen sich die hereinbrechenden Wellen ihren Weg durch unterirdische Gänge und Höhlen und die Gischt schießt aus Auslassventilen, den Blowholes, wie aus Geysiren meterhoch in den Himmel. Uns bot sich dafür ein tolles Spiel aus Wolken und schwindendem Tageslicht am Horizont, das die Pancake Rocks wunderschön illuminierte. Abends haben wir uns zum ersten Mal Essengehen in Neuseeland gegönnt: In der Punakaiki Tawern, der einzigen Kneipe im Ort, kann man sich leckeres Kiwi-Food, sprich viel gebratene oder frittierte Hausmannskost, schmecken lassen.

Am Pororari River Track Carpark, auf dem wir mit unserem Self-contained Camper kostenlos nächtigen konnten, startet eine weitere Attraktion des Nationalparks: der Pororari River Track. Dieser führt in kurzweiligem Auf und Ab den Canyon entlang, den der namensgebende Fluss durch den Kalksandstein gegraben hat. Man ist umgeben von wunderschönem dichtem Wald, der in diesem Breitengrad nun freundlicher wirkt und von Farnpalmen und sogenannten Nikau-Palmen dominiert ist. Die Wanderung kann wahlweise ins Hinterland ausgedehnt oder als vierstündiger Loop-Walk zurück zur Straße und damit vorbei an den Pancake Rocks unternommen werden. Wir haben uns hier begnügt, zwei Stunden den Fluss rauf und wieder retour zu marschieren, auf dem auch fleißig Kajak gefahren wird. Wenig verwunderlich: Die Umgebung ist wunderschön, die Strömung sehr gemäßigt, so dass auch weniger geübte oder fitte Paddler die Tour zu Wasser antreten können.

Als letzten Stopp an der Westküste lenkten wir unseren Camper in Richtung Cape Foulwind, den vor den Toren von Westport gelegenen Landvorsprung, auf dem natürlich auch ein Leuchtturm thront. Wir wählten einen etwas südlich gelegenen Ausgangspunkt: Eine kurze Wanderung führt von der wunderschönen Bucht, der Tauranga Bay, vorbei an zerklüfteten Klippenpartien hin zu einer Robbenkolonie, die sich überaus gemütlich auf den Felsen sonnen. Von dort sind es circa noch 2,5 Kilometer zum Leuchtturm, 18.123 Kilometer nach Hamburg, 11.166 Kilometer nach Kapstadt oder auch 18.290 Kilometer nach Rom, wie einen diverse Wegweiser wissen lassen.

Beißende Biester

Neuseeland hat es doch noch geschafft, einen kleinen Punkt für die „Minusliste“ hervorzubringen: Sandflies. Auch wenn wir nicht von Schwärmen umringt waren, was wohl der Jahreszeit geschuldet war, schwirrten sie reichlich um uns herum und bissen auch fleißig zu. Und das sogar Steffen. Vor Ort erstandene Sprays, die chemisch riechen und fraglos giftig sind, schaffen allerdings etwas Abhilfe. Grundsätzlich trifft man wohl im gesamten Westen der Südinsel, also auch im Fiordland, auf die kleinen Plagegeister, uns wollten sie aber erst so recht an der West Coast beehren.

Empfehlenswerte Camping Sites auf dieser Etappe

  • Bruce Bay: Freedom Camping Site an Parkbucht neben dem S6, durch Bepflanzung zur Straße abgeschirmt
  • Gillespies Beach: Freedom Camping Site an breitem, langem Steinstrand
  • Okarito Camping Ground: Netter, günstiger Campingplatz (12,50 NZD/Kopf) nur durch eine Wiese vom Strand getrennt, keine Powered Sites, aber Kochecke und Dusche
  • Pororari River Track Carpark, Punakaiki: Freedom Camping Site für Self-contained Verhicles, Ausgangsort von tollen Wanderungen entlang des Pororari Rivers im Paparoa National Park