Wir sind nun seit mehr als dreieinhalb Wochen mit dem Camper unterwegs. Und finden es großartig! Einfach zu bleiben (und eben auch zu schlafen und aufzuwachen), wo es einem gefällt, war das ausschlaggebende Kriterium für die Wahl unseres Gefährts. Was dabei in Neuseeland besonders toll ist: Man ist nie im Verbund unterwegs, ganz im Gegenteil vielmehr ziemlich allein, und man findet an jeder Ecke kostenlose Freedom oder DOC Camping Sites (Campingplätze, die das Department of Conservation bereitstellt; nur 6 NZD/Nacht+Kopf) wie aus dem Bilderbuch inmitten schönster Natur. Mit ein bisschen Glück auch ganz exklusiv für sich: Gerade (als diese Zeilen verfasst wurden) standen wir beispielsweise mutterseelenallein an einem Freedom Camping Site am nördlichen Arm des Lake Wakatipu und Steffen bereitete unser Abendessen an einem selbstgebauten Steingrill zu.
Natürlich kreuzen zahlreiche Camper den Weg und an den Top-Sehenswürdigkeiten trifft man zur Genüge auf andere Reisende. Doch alles ist entspannt. Das oft mit jeder Menge (dunklem) Humor gepaarte Easy-Going der Neuseeländer, das man immer wieder – sei es an der Supermarktkasse, in der Werkstatt oder in den Geschichten der Guides – erleben darf, scheint sich auch ein wenig auf die Reisenden im Land zu übertragen, die nach der Hauptsaison jetzt vornehmlich Ausländer sind (allen voran, so scheint es zumindest, deutscher Herkunft). Gerade einmal etwas mehr als 4,5 Millionen Einwohner zählt das 268.107 Quadratkilometer große Land (zwei Drittel davon leben auf der Nordinsel), was im Schnitt nicht einmal 17 Einwohner pro Quadratkilometer sind (im Vergleich Deutschland mit 226 Einwohner pro Quadratkilometer). So sieht man auch entschieden mehr Schafe als Menschen. Von ihnen soll es laut unterschiedlicher Quellen vier bis sechs Mal so viele geben, was wenig überrascht: Insbesondere im Osten und Süden der Südinsel vergehen keine fünf Minuten, ohne nicht eine Schafsherde zu passieren.

Apropos Fauna: Garniert wird die naturseitige Schönheit durch eine einzigartige Tierwelt, die sich rund vier Millionen Jahre lang völlig isoliert entwickeln konnte und so evolutionstechnisch einige Kapriolen geschlagen hat, unter anderem in der Vogelwelt. Wenn wir zwei ornithologisch jetzt auch weder besonders bewandert noch mit einem gesonderten Interesse angereist sind, macht es Spaß, sich mit den sonderbaren Exoten der Vogelwelt zu beschäftigen. So haben wir beispielsweise der Te Anau Bird Sanctuary einen Besuch abgestattet.
Eine Entwicklung praktisch ohne Feinde sorgt für paradiesische Zustände, wird aber zum ernsten, existenzbedrohenden Problem für fett und flugunfähig gewordene Vögel, wenn fleischfressende Landsäugetiere den Boden betreten. Neben dem Nationalvogel, dem Kiwi, der trotz Flugunfähigkeit lustigerweise das Wappen der Air Force New Zealand ziert, ist das größte Sorgenkind der Eulenpapagei Kakapo, der sich in vielerlei Hinsicht nicht wirklich überlebensstark zeigt: Ordentlich übergewichtig und ebenfalls nicht mehr in der Lage, seine zurückgebildeten Flügel zum Fliegen zu gebrauchen, wendet er eine wenig geschickte Taktik zur Abwehr von Feinden an: Fühlt er sich bedroht, schließt er die Augen und harrt bewegungslos aus – und damit meist den tödlichen Dingen bzw. Tieren, die seinen Weg kreuzen. Deswegen kann man dieses grüne Federtier auch nicht mehr außerhalb spezieller Aufzuchtgebiete antreffen (2012 zählte ihre Population gerade einmal 127 Tiere).
Wesentlich zahlreicher und auch zeigefreudiger sind dagegen Fellrobben und Seelöwen in freier Wildbahn vertreten. So sieht man die verspielten Tiere beispielsweise am Nugget Point an der Ostküste oder am äußeren Ende des Doubtful Sound. Steffen konnte ein gewichtiges Exemplar beim abendlichen Landgang an der Otago-Bucht beobachten. Pinguine ließen sich ebenfalls schon blicken, wenn auch sehr verhalten: Ein Gelbaugenpinguin watschelte über den Strand in der Nähe des Nugget Point in den Catlins – auf diesen Auftritt bzw. vielmehr auf den seiner Großfamilie hatten wir auch immerhin 20 Minuten gewartet – und drei Exemplare der Blue Penguins gab es in Erdlöchern am Pilots Beach auf der Otago Peinsula zu erspähen. Auch Delphine haben wir mittlerweile glücklich gesehen: Nachdem sowohl unser Besuch in Akaroa auf der Banks Peninsula bei Christchurch, wo Hector-Delphine, die kleinsten ihrer Art, angeblich immer anzutreffen sind, als auch unsere mehrstündige Bootstour im Doubtful Sound, wo einige große Tümmler permanent zuhause sind, nicht erfolgreich verliefen, ohne auch nur den Schatten eines Tieres zu sehen, war es vorgestern auf unserer Tour mit dem Mail Boat in den Marlborough Sounds endlich soweit.
Vieles in der Tier- und Pflanzenwelt ist in großer Gefahr: Das empfindliche Ökosystem leidet neben eingeschleppten Krankheiten, Keimen und Pilzen oder auch übermäßiger Rodung und Jagd vor allem unter neuen Gliedern in der Nahrungskette, die sich oft rasant – ohne wiederum Feinde zu haben – vermehren konnten: So stellen Ratte, Wiesel und vor allem das Possum eine schier nicht zu bewältigende Herausforderung dar. Trotz einer seit mehr als zwei Jahrzehnten andauernden konsequenten Bekämpfung von Letzterem konnte die Anzahl von rund 70 Millionen Tiere gerade einmal halbiert werden. So frisst sich das possierliche Possum weiterhin zahlenmäßig mächtig durch die Natur- und Tierwelt. So sehr es auch von Tierschützern kritisiert wird, wird man schilderseitig oder beispielsweise auch von unserem Guide im Doubtful Sound herzlich dazu einzuladen, aufs Gas zu gehen, sollte ein Tier im Scheinwerferlicht auftauchen. Wie speziell der Humor der Kiwis ist, merkt man so dann auch, wenn es heißt: „You kill it, we grill it“. Possum schafft es immer auch wieder auf die Speisekarte…
Gerade (als diese Zeilen verfasst wurden) haben wir eines im Baum neben unserem Camper entdeckt. Wir verzichteten allerdings auf drastischere Maßnahmen und begnügten uns mit einem Foto.