Erste Eindrücke. Was im Kopf bleibt
Willkommen in Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolke, würde wiederum der Maori sagen. In jedem Fall an einem Ort, der mit einer mehr als faszinierenden Natur gesegnet ist: Neuseeland ist das Produkt des Zusammenstoßes der indisch-australischen und der pazifischen Platte. Dieser faltet seit etwa 80 Millionen Jahren die Reihe von Bergketten auf, die sich vom Fiordland über die Southern Alps bis hinauf zum East Cape auf der Nordinsel ziehen. Mit dem Effekt, dass Dreiviertel Neuseelands höher als 200 Meter liegen und sich so durch das stete Auf und Ab unzählige Traumausblicke ergeben. So wird schon das Fortbewegen von A nach B auf den in der Regel nur zweispurigen Straßen, die sich verkehrsarm durch die menschenleere Landschaft schlängeln, zur echten Sightseeing-Tour.
Die bittere Kehrseite des Umstands, ein Land zu sein, das an einer plattentektonischen Bruchzone entstanden ist, sind Erdbeben. Statistisch wackelt es alle drei Tage irgendwo in Neuseeland, die Masse immerhin kaum spürbar. Wie verheerend die Auswirkungen allerdings sein können, ist in Christchurch zu sehen, das von einer lang anhaltenden Reihe an Beben seit 2004 heimgesucht wurde – das mit den schwerwiegendsten Folgen ereignete sich am 22. Februar 2011: große Teile der Innenstadt (circa 70 Prozent) wurden komplett zerstört, 185 Menschen starben. Auch fünf Jahre später ist die Stadt, der Ausgangsort unserer Neuseelandreise, noch stark von den Folgen gezeichnet: große Flächen mitten im Zentrum liegen brach, Baustellen findet man an jeder Ecke, viele Gebäude sind abgesperrt und warten auf ihren Abriss oder werden bis zu ihrer Sanierung von schweren Stahlkonstruktionen gestützt.
Dass sich eine Region, die mit dieser tektonischen Bürde leben muss, nicht unterkriegen lässt, spürt man zum Beispiel im Quake Museum: Die Zuversicht ist in vielen O-Tönen von Einwohnern zu hören, vor allem aber auch in Form revolutionärer Zukunftsvisionen für Christchurch zu bestaunen, dessen Stadtkern in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten völlig neu entstehen wird, ökologisch nachhaltig und erdbebensicherer als jemals zuvor.
Neuseeland umfasst 15.000 Kilometer abwechslungsreiche Küstenlinie, 1.700 Kilometer von Nord nach Süd, zwischen Ost und West liegen nie mehr als 300 Kilometer Land. Die Nord-Süd-Ausdehnung zwischen dem 34,5°- und dem 47,5°-Breitengrad entspräche einem auf unsere Heimatseite der Erde gespiegelten Gebiet, das sich zwischen dem Nordrand der Sahara und den Bayerischen Alpen befindet. So entstehen Klimazonen, die sich vom Subtropischen im Norden bis zu gemäßigten Bereichen im Süden erstrecken.
Wettertechnisch verspricht das jede Menge Abwechslung. Doch Neuseeland meint es gut mit uns. Bisher nur in der gemäßigten Zone unterwegs bot das Thermometer zwar für ein Camper-Leben durchaus Extrema von 3 und 30 Grad – was nicht nur einmal mit kalten Füßen und dem Tragen des halben mitgereisten Kleiderschranks verbunden war -, doch konnten wir jedes gewünschte Programm ohne Einschränkungen umsetzen.
Insbesondere mit Blick auf die Regenstatistik zeigt sich Neuseeland uns gegenüber überaus gastlich, mehr als kurze Schauer oder etwas Nieselregen gab es für uns in rund zwei Wochen noch nicht. Durchschnittlich fallen beispielsweise im Fiordland an 300 Tagen im Jahr Regentropfen vom Himmel. Dass man das auch sehr poetisch und positiv sehen kann, zeigt das Bild, das der Maori hierfür liefert: Er bezeichnet sie als kleine feuchte Küsse, die der Himmelsvater Rangi so oft als möglich auf den lang gestreckten Rücken von Papa, von Mutter Erde, plätschern lässt. Die kruden Zahlen wirken da erst einmal weniger romantisch: An der Westküste – eine Region, die Niederschläge in Metern anstatt in Millimetern misst – fallen durchschnittlich 6.400 Millimeter Regen im Jahr. Zum Vergleich: In Bergen, der regenreichsten Stadt Europas, werden gerade einmal 2.548 Millimeter im Jahr gemessen, in dem nicht gerade für sein trockenes Klima bekannten Hamburg geradezu vernachlässigbare 775 Millimeter. Und dass das auch alles so seine Richtigkeit hat, wurde uns nicht nur einmal schulterzuckend erklärt: „Für eine Landschaft, die so schön, so wild, so einzigartig und so grün ist, braucht es nunmal Wind, Sturm und vor allem Wasser.“
Nun, es gibt unzählige Lobeshymnen auf die Natur Neuseelands. Was soll man sagen: Sie haben Recht. Die häufig strapazierten Vergleiche „das Best-of der Kontinente“, „die ganze Naturwelt in einem Land“ oder gar die Zuschreibung „God’s own country“ erscheinen beim Reisen durch Neuseeland irgendwie passend – so wenig wir von der Vielfalt bis jetzt auch gesehen haben, so beeindruckt sind wir schon heute. Man fährt durch dieses Land und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Man staunt über endlose Strände, einsame Buchten und schroffe Steilküsten, man staunt über die sich in einem wunderbaren Mix an Grün-, Braun- und Ockertönen eingefärbten Hügel, die sich vor verzweigten, glasklaren Seen sanft gen Himmel strecken, man staunt über die schneebedeckten Gipfel, die steinerne Berggiganten schmücken, man staunt über den Urwald, der sich sattgrün und undurchdringlich zeigt, und man staunt über die gigantischen Fjorde, die mit ihren vielen Wasserarmen die Berglandschaft des Fiordlands zerpflügen. Ja, nicht nur das Lesen dieses Satzes macht atemlos… Immer auch wieder Aus- und Anblicke wie diese: