KAMBODSCHA_ PHNOM PENH. Gestern. Ein Muss

Drei Jahre, acht Monate und zwanzig Tage. So lange dauerte die Schreckensherrschaft von Pol Pot und den Roten Khmer. Die Bilanz: mehr als zwei Millionen Menschen tot (ein Drittel (!) der damaligen Bevölkerung) – verhungert, durch die Strapazen der Zwangsarbeit gestorben, zu Tode gefoltert oder auf einem der Killing Fields erschlagen (Patronen waren zu teuer) – , bitterliche Armut, entvölkerte Städte, eine zerstörte Wirtschaft. Mit dem Ziel, Kambodscha mit aller Gewalt in einen reinen Agrarkommunismus zu überführen, wurde das Geld abgeschafft, Bücher verbrannt, Händler, Lehrer sowie beinahe die gesamte intellektuelle Elite des Landes ermordet. Ein trauriges, unfassbares Kapitel der Geschichte Kambodschas, über das wir viel zu wenig wussten.

Im Tuol Sleng Genozid Museum sowie an der Gedenkstätte Choeung Ek, dem bekanntesten der sogenannten Killing Fields 17 Kilometer südlich des Zentrums, kann man diese Lücke schließen. Die Anlage vor den Toren der Stadt, in dessen Mitte heute eine Gedenkstupa steht, verbreitet unter strahlend blauem Himmel eine friedliche Ruhe. Auch auf dem Gelände des Tuol Sleng Museums – vormals ein Gymnasium, bevor es zum Sicherheitsgefängnis S-21 umfunktioniert wurde – grünt und blüht es. Bis auf ein Gebäude, dessen Außengänge mit Stacheldraht begrenzt wurden, erinnert von außen kaum etwas an die grausamen Geschehnisse vor gerade einmal vierzig Jahren.

Doch bei näherem Hinsehen – die Stupa ist bis unters Dach mit Schädeln gefüllt, die Wiese zeigt tiefe Mulden, wo einst Massengräber waren, von den zahlreichen Bildern ganz zu schweigen – kann man das Grauen erahnen. Den größten Beitrag, die Geschichte der beiden Orte für den Besucher aufleben zu lassen, leisten sehr gut gemachte Audio Guides, die noch dazu in 15 Sprachen verfügbar sind. Angenehme Sprecher bieten an jeweils zahlreichen Stationen eine optimale Mischung aus Infos und Hintergründen. Mit bewusster Wortwahl wird dieses schwer in Worte zu fassende Kapitel des Landes ruhig und eindringlich erzählt. Es gelingt, Mechanismen und Zusammenhänge zu schildern und auch den Tätern, die oft selbst zu Opfern wurden, ein Gesicht zu geben.

Immer wieder wird auch der Hinweis eingebaut, diesen Abschnitt zu überspringen oder einen Raum nicht zu betreten, wenn besonders grauenhafte Details der Folterungen oder Ermordungen erzählt werden oder auch entsprechende Bilder zu sehen sind. Immer wieder bekommt man den Rat, sich erst einmal hinzusetzen und mehr Kontext zu erfahren, bevor man ein Gebäude oder einen Raum betritt. Es kommen auch Zeitzeugen zu Wort und wenige Überlebende: Lediglich sieben Menschen von knapp 20.000 Inhaftierten haben das S-21 überlebt, die Station Killing Field bedeutete unausweichlich den Tod.

Es bleiben unzählige Fragen, insbesondere was die Bestrafung und Aufarbeitung angeht. In Zeiten eines Kalten Krieges, in denen die Welt nur zwei Seiten kennt, wird auch ein Terrorregime zum Verbündeten, wenn das Land, das diesem Gräuel ein Ende bereitet, das kommunistische Vietnam ist (erst vor knapp zehn Jahren begann eine wirksame juristische Auseinandersetzung, die noch nicht abgeschlossen ist; Pol Pot verstarb rund 70-jährig im Kreise seiner Familie, ob natürlich, Mord oder Selbstmord ist ungeklärt). So sitzen wir am späten Nachmittag erst einmal an der Uferpromenade vor dem Königspalast, reden, diskutieren, um am Ende einfach zu schweigen. Es ist immer wieder unbegreiflich, was der Mensch dem Mensch antun kann.

So traurig dieser Exkurs in die Geschichte des Landes auch ist, würden wir jedem Kambodscha-Reisenden einen Besuch in der Hauptstadt und den beiden Museen ans Herz legen (bei Zeitmangel nur das Tuol Sleng Genozid Museum; mit Audio Guide jeweils 6 Dollar). Wenn man schon das etwas leidige Prädikat „Must see“ vergeben muss, dann hier.

Und natürlich gibt es in Phnom Penh noch mehr zu sehen: KAMBODSCHA_PHNOM PENH. Heute.