VIETNAM_ CAN THO. Gemächliches Markttreiben auf dem Mekong

Sechs Uhr morgens. Langsam kriecht Tageslicht in warmen Rottönen am Horizont empor. Die Konturen der Bootsführer zeichnen sich immer schärfer gegen den heller werdenden Himmel ab. Entspannt schippern Dutzende kleine Boote, vornehmlich besetzt mit Touristen, auf dem Mekong gen Westen. Mit demselben Ziel: den schwimmenden Märkten von Cai Rang. Gemüse und Obst liegen hier aufgetürmt auf Deck. An langen Stangen, gut aus der Ferne sichtbar, hängt das zu verkaufende Gut. Unter den ersten Sonnenstrahlen des offenbar perfekten Morgens (nicht selten sei es sehr diesig) können wir ruhiges Markttreiben beobachten, hier findet der Großhandel statt. Die meisten Boote zieren am Bug aufgemalte, nach vorne gerichtete Augen: Diese halten Ausschau nach Kunden, wird uns erklärt, bei Fischerbooten dagegen ist der Blick auf die Wasseroberfläche und damit auf die anvisierte Beute gerichtet.

Langsam bewegen wir uns zwischen den größeren Schiffe hindurch, gefühlt schneller klettert das Thermometer in der aufgehenden Sonne Grad um Grad nach oben. Die schwüle Wärme, das ruhig dahinfließende, braune Wasser, das gemächliche Handeln – alles verströmt eine gewisse Schläfrigkeit. Doch befinden wir uns hier in der prosperierendsten und am dichtesten besiedelten Region des Landes. So ist das Mekong-Delta die größte Reiskammer des Landes, hier werden auf circa 10 Prozent der Landesfläche etwa die Hälfte der vietnamesischen Reisernte produziert. Alles andere als schläfrig lässt mich auch der natürlich auf einem Boot erstandene Kaffee zurück: Der Vietnamese trinkt – warm oder kalt – ein tiefbraunes Gesöff mit dickflüssiger, stark gezuckerter Kondensmilch, die sich erst nach längerem Rühren mit dem Kaffee vereinigen will. Wer es süß mag, wird ihn lieben.

Immer wieder biegen wir in einen neuen Seitenarm des für uns unübersichtlichen Netzes aus Flüssen und Kanälen ab. Dass der Fremde hier schnell den Überblick verliert, ist wenig überraschend: Der Mekong ist einer der größten Flüsse Asiens und durchfließt Südvietnam auf die letzten 200 Kilometer seines 4800 Kilometer langen Laufes. Schon bei Phnom Penh teilt er sich in zwei Ströme – den Tien Giang (oberer Mekong) und den Hau Giang (unterer Mekong) – , in Vietnam fächern sich die beiden Flüsse in acht Hauptarme und zahllose Nebenarme auf. Die Einheimischen bezeichnen den Fluss als Song Cuu, den Neun-Drachen-Fluss, nach der in der chinesischen Mythologie heiligen Zahl 9. Dass mit „schlechten“ Zahlen nicht zu spaßen ist, wird auch deutlich, wenn man die Leitersprossen zählt, die in die am Fluss liegenden Stelzenhäuser hinaufführen: fünf, sieben oder neun. Gerade Zahlen bringen halt nunmal Unglück.

Am zweiten Ziel unseres Ausflugs lernen wir die traditionelle Herstellung von Reisnudeln kennen. Natürlich legen wir hier auch selbst Hand an. Wie so oft: Was so einfach aussieht, lässt sich gar nicht so einfach nachmachen. Kuckt man dem Fachmann zu, ist der Transport des noch weichen, klebrigen Reisfladens vom heißen Stein, wo der dünnflüssige Teig aus Reismehl und Wasser ähnlich wie Crêpe verstrichen und nur circa eine Minute erhitzt wird, hin zur Bambusmatte, wo er zum Trocknen ausgebreitet wird, ein Kinderspiel. Bei uns hingegen klebt er wellig und unförmig an dem dafür genutzten kegelförmigen Werkzeug. Schuster, bleib bei deinem Leisten…

Der dritte Stopp unserer Mekong-Tour sind die schwimmenden Märkte von Phong Dien. Hier geht es schon lebhafter zu, die Boote schieben sich Holz an Holz zusammen, es entsteht ein Geflecht aus Booten, Waren und Menschen. Es werden allerlei frische Lebensmittel, vor allem Obst und Gemüse, aber auch Kosmetik- und Haushaltsartikel für den privaten Gebrauch gehandelt. Für uns werden Milchäpfel (konsistenztechnisch fragwürdig, geschmacklich aber sehr lecker) und eine halbe Jack Fruit (praktisch, wie portioniert sich das Innenleben dieser unförmigen Frucht gestaltet) erstanden.

Unser Guide, die wirklich reizende Ngân, natürlich bekleidet mit einem asiatischen Kegelhut, lässt uns insbesondere an ihrer Begeisterung für die Pflanzenwelt teilhaben. So wird bei jeder Gelegenheit etwas vom Baum oder Busch gezupft, an dem gerochen oder gekaut werden darf – begleitet von vielen (Volks)Weisheiten und für uns neuem Wissen, u.a. dass die noch roten Blätter des Mangobaumes essbar sind und auch gar nicht so schlecht schmecken (apropos essbar: Ngân empfiehlt Ratte und Hund, Katze hingegen schmecke scheußlich), die Blätter der Wasserlilie gegen Diabetes helfen, Papaya wahre Wunder bei der Muttermilchproduktion leiste, während der Schwangerschaft ja nicht zu viel Bambus gegessen werden dürfe, sonst würde das Baby wie die jungen Bambusgewächse sehr haarig werden, oder auch dass Mango aufgrund des alles zugrundeliegenden Gesetzes von Jin und Jang für die bessere Bekömmlichkeit mit Chili-Salz genossen werden sollte (hier übrigens auch überall so verkauft wird). Zu guter Letzt bekommt Steffen noch den Tipp, einen Gecko in Reiswein zu tunken, falls es mal mit der Standhaftigkeit Probleme geben sollte. Die Natur liefere eben für bzw. gegen alles ein Mittelchen.

Darüber hinaus wurden wir von der Literatur- und Englischstudentin in die Grundprinzipien der vietnamesischen Sprache eingeweiht, in der sechs verschiedene Tonhöhen bzw. Verläufe dieser Tonhöhen verwendet werden und sich die Bedeutung dabei natürlich grundlegend ändert. So kann „Ma“ in den unterschiedlichen Aussprachen u.a. Mutter, Geist oder auch junger Reis bedeuten. Trotz guter Erklärungen, unermüdlichen Vorsprechens und einiger Wiederholungsversuche unsererseits wollte sich weder Gehör noch Zunge so richtig auf die Sprache einstellen.

Nachdem wir den ganzen Vormittag über reich mit aus Palmenblättern gebastelten Kunstwerken beschenkt wurden (wirklich beeindruckend, was Ngân und unser Bootsführer Hanh hier so alles gefertigt hatten), sang sie als krönenden Abschluss für uns das „Lied der Freundschaft auf dem Mekong“. Ja, wir mussten auch lächeln und übrigens auch klatschen… Vor allem aber waren wir sehr glücklich mit unserem interessanten Ausflug in die Welt des Mekong.