Saigon oder auch Ho-Chi-Minh-City, wie die Stadt seit der Wiedervereinigung Vietnams 1976 offiziell heißt, schläft zu keiner Zeit. Der Pulsschlag der ruhelosen Metropole ist stets unüberhörbar: Das Hupkonzert von Abertausenden Rollern, Autos und Bussen verstummt nie, variiert lediglich nach Tageszeit. Im zentral gelegenen Backpacker-Viertel im District 1, wo sich unzählige Bars und Kneipen neben Restaurants, Garküchen und Hostels aneinander reihen, ergänzen nächtlich noch wummernder Bass und laute Musik die Geräuschkulisse. Unsere rund 24-stündige Anreise über Moskau, etwas Jetlag und das ein oder andere Tiger-Bier sorgten bei uns in den drei Nächten vor Ort allerdings für die notwendige Bettschwere und den erholsamen Schlaf.
Im Zentrum der 8-Millionen-Stadt befinden sich auch die besichtigenswerten Bauwerke der französischen Kolonialzeit, darunter das Rathaus am Ho-Chi-Minh-Platz, die in rotem Backstein erbaute Notre Dame-Kirche und die alte Post. Doch die Stadt lebt von Kontrasten: Neben der historischen Architektur verrenkt man sich den Hals zu modernsten Hochhäusern, die mit verspiegelten Fassenden stolz den Boom der Stadt bezeugen, dazwischen ein Gewirr aus Straßen und Gassen, wo aus schmalen Läden und Garagen (kaum ein Haus ist breiter als zwei, drei Meter) so ziemlich alles verkauft wird, was man sich vorstellen kann – überall wird auf offener Straße gefeilscht, gehandelt und gespeist.
Wenn sich auch klassisches Sightseeing-Programm verhältnismäßig schnell erschöpft (wir haben jetzt aber auch nicht die Top10-Liste abgearbeitet), wird jeder Stadtspaziergang zum Erlebnis, das Überqueren von Straßen zwischen Hunderten Rollern von allen Seiten erst einmal zur Mutprobe (an die man sich aufgrund Alternativlosigkeit schnell gewöhnt) und das Essen in Garküchen und an Straßenständen zum kulinarischen Genuss. Dabei machen es Stäbchen insbesondere Steffen nicht immer leicht, die Leckereien auch in den Mund zu bekommen (aber Übung macht den Meister). Empfehlenswert sind der Klassiker Phở, eine schmackhafte Brühe mit Glasnudeln, Sprossen und dünnen Fleischscheiben (mit Rind bestellt man Phở Bò, mit Hühnchenfleisch Phở Gà), oder auch Bánh Xèo, ein Pfannkuchen aus Reismehl, Kokosnussmilch und Kurkuma, unter anderem gefüllt mit Sprossen, Gemüse und Krabben.
Neben dem Stadtzentrum haben wir noch Cholon, dem Chinatown von Saigon, einen Besuch abgestattet, das ursprünglich eine eigene Stadt war und erst durch den umfangreichen Zuzug von chinesischen Flüchtlingen mit dem früheren Saigon verschmolzen ist. Da sich bei uns das Credo „kein Weg ist innerhalb einer Stadt zu weit, um ihn zu Fuß zu bewerkstelligen“ hartnäckig hält, sind wir den rund sieben Kilometer langen Weg marschiert. Mit den Erkenntnissen: Der Smog dieser Stadt ist wirklich unangenehm für Haut und Lunge (sehr verständlich, warum rund 80 Prozent der Einheimischen nur mit Mundschutz auf die Straße geht) und die Öffnungszeiten von Pagoden und Tempeln, von denen es 170 allein in diesem Viertel gibt, richten sich nicht nach uns. So konnten wir in Cholon nur noch lecker essen gehen und die Pagoden von außen bewundern. In unseren Augen kein Muss, aber den Weg allemal wert.
Wer sich mit Vietnam beschäftigt, wird sich unweigerlich mit der kriegsgebeutelten Vergangenheit des Landes auseinandersetzen. So stand für uns schon vorab ein Besuch des Kriegsopfermuseums auf dem Plan. Das Museum, das eine Dokumentation der Geschehnisse aus Sicht der Vietnamesen zeigt, führt dem Besucher vor allem die Schrecken des Vietnamkriegs und bis heute andauernden Folgen eindrucksvoll vor Augen, was einen erst einmal wortkarg und schaudernd zurücklässt. Nicht weniger interessant ist der Ausflug in die Geschichte, den man in Củ Chi unternehmen kann. Hier ist ein kleiner Teil des Tunnelsystems, in welchem sich die Vietcong-Kämpfer im Vietnamkrieg versteckten, für Besucher zugänglich. Mehr dazu gibt es hier: VIETNAM_CÙ CHI. Geschichtsstunde unter der Erde.
